Scharff-Technik
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Loslegennach dem deutschen Vernehmungsoffizier Hanns Joachim Scharff (1907–1992)
Synonym: Scharff-Methode
Englisch: Scharff technique
Definition
Die Scharff-Technik ist eine nicht-konfrontative Befragungstechnik zur Informationsgewinnung aus menschlichen Quellen (Human Intelligence, HUMINT). Sie basiert auf den Methoden des deutschen Verhörers Hanns Joachim Scharff, der während des Zweiten Weltkriegs alliierte Kriegsgefangene für die deutsche Luftwaffe befragte und nach Kriegsende in die USA emigrierte.
Ziel ist es, neue Informationen zu gewinnen, ohne der befragten Person die konkreten Informationslücken und -ziele des Interviewers offenzulegen.
Prinzip
Die heute wissenschaftlich untersuchte Scharff-Technik wird üblicherweise durch fünf miteinander verbundene Elemente charakterisiert: Der Interviewer pflegt einen freundlichen und gesprächsorientierten Umgang, übt möglichst keinen unmittelbaren Informationsdruck aus und vermittelt durch die Präsentation bereits bekannter Fakten den Eindruck, über das Thema umfassend informiert zu sein ("illusion of knowing it all").
Statt zahlreiche direkte Fragen zu stellen, präsentiert der Interviewer Aussagen, die die Quelle bestätigen, korrigieren oder ergänzen kann (Confirmation/Disconfirmation-Taktik). Neu offenbarte Informationen werden zudem nicht übermäßig hervorgehoben, damit für die Quelle möglichst schwer erkennbar bleibt, welche Informationen dem Interviewer zuvor fehlten.
Hintergrund
Scharffs Vorgehensweise beruhte wesentlich auf einem Perspektivwechsel: Er versuchte abzuschätzen, mit welchen Strategien Kriegsgefangene die Preisgabe relevanter Informationen verhindern würden, und passte seine Gesprächsführung entsprechend an.
Die moderne Scharff-Technik wurde auf Grundlage historischer Beschreibungen dieser Vorgehensweise in der rechtspsychologischen Forschung systematisiert und experimentell untersucht.
Wirksamkeit
Experimentelle Studien zeigen, dass die Scharff-Technik gegenüber einer direkten Befragungsstrategie unter bestimmten Bedingungen mehr neue Informationen hervorbringen kann. Befragte schätzen den Interviewer zudem häufig als besser informiert ein und unterschätzen die Menge der von ihnen neu preisgegebenen Informationen.[1]
Die bisherige Evidenz stammt überwiegend aus experimentellen HUMINT-Szenarien. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht uneingeschränkt auf sämtliche polizeilichen, militärischen oder forensischen Befragungssituationen übertragen. Neuere Studien untersuchen zudem weitere Einflussfaktoren wie Reziprozität und wiederholte Befragungen derselben Quelle.
Bedeutung
Die Scharff-Technik wird heute vor allem in der Rechtspsychologie, Vernehmungsforschung und HUMINT-Forschung untersucht. Sie gehört zu den informationsgewinnenden und rapportorientierten Ansätzen und unterscheidet sich damit von konfrontativen Befragungsmethoden, die auf Druck, Einschüchterung oder erzwungene Geständnisse ausgerichtet sind.
Anwendung und Grenzen
Anwendungsfelder
Neben der wissenschaftlichen Untersuchung wird die Scharff-Technik auch praktisch vermittelt, etwa in Trainingsprogrammen für Militäroffiziere.[2] Sie gilt dabei als Form der Elicitation – verdeckter, gesprächsbasierter Informationsgewinnung – und unterscheidet sich damit von einer beschuldigtenorientierten, konfrontativen Vernehmung, bei der es um ein Geständnis oder die direkte Aufklärung eines Tatvorwurfs geht.
Ethische und rechtliche Grenzen
Die Scharff-Technik verzichtet bewusst auf Zwang, Drohung oder physischen Druck. Da die Quelle im Idealfall nicht bemerken soll, welche Informationen sie preisgibt, wirft die verdeckte Natur der Technik grundsätzliche ethische Fragen auf. Der praktische Einsatz kann zudem je nach Kontext unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen.
Quellen
- ↑ Luke TJ. A meta-analytic review of experimental tests of the interrogation technique of Hanns Joachim Scharff. Applied Cognitive Psychology. 2021.
- ↑ Granhag PA, Oleszkiewicz S, Sakrisvold ML, Kleinman SM: The Scharff technique: training military intelligence officers to elicit information from small cells of sources. Psychology, Crime & Law. 2020.
Literatur
- May L, Granhag PA: Using the Scharff-technique to elicit information: How to effectively establish the "illusion of knowing it all"? The European Journal of Psychology Applied to Legal Context. 2016
- Toliver RF. The Interrogator: The Story of Hanns-Joachim Scharff, Master Interrogator of the Luftwaffe. Schiffer Publishing; 1997.