Intrazytoplasmatische Spermieninjektion
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Englisch: intracytoplasmic sperm injection
Definition
Hintergrund
Die ICSI wurde 1992 erstmals erfolgreich angewendet und ist heute eine der wichtigsten Techniken der assistierten Reproduktion.[1] Im Gegensatz zur konventionellen IVF, bei der Ei- und Samenzellen zur spontanen Befruchtung zusammengebracht werden, ermöglicht die ICSI eine gezielte Befruchtung auch bei stark eingeschränkter Spermienqualität oder -menge. Eine Befruchtung ist damit nicht garantiert, jedoch die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht.
Bei Paaren ohne eingeschränkte Spermienqualität bietet die ICSI gegenüber der konventionellen IVF nach aktueller Evidenz keinen nachweisbaren Vorteil hinsichtlich Lebendgeburtenrate.[2]
In Deutschland unterliegt die ICSI dem Embryonenschutzgesetz (ESchG), das u.a. die Anzahl der befruchtbaren Eizellen pro Zyklus sowie den Umgang mit erzeugten Embryonen regelt.
Indikation
Die ICSI wird unter anderem eingesetzt:
- bei Azoospermie (obstruktiv oder nicht-obstruktiv), wobei Spermien durch operative Entnahme (TESE, MESA) gewonnen werden
- bei Kryptozoospermie
- bei zu geringer Spermienmenge (Oligospermie)
- bei schlechter Spermienqualität (Teratozoospermie, Asthenozoospermie)
- bei hoher Sperm-DNA-Fragmentierung im Ejakulat, in diesen Fällen ggf. mit testikulär gewonnenen Spermien (TESE)[3]
- bei vorangegangenen, erfolglosen Versuchen der In-vitro-Fertilisation
Vorbereitung
Hormonelle Stimulation
Der ICSI-Behandlung geht eine kontrollierte ovarielle Stimulation (KOS) voraus, bei der die Frau über mehrere Tage Gonadotropine (FSH, ggf. kombiniert mit LH) erhält, um eine Mehrfachreifung von Follikeln zu induzieren. Um einen vorzeitigen LH-Anstieg und damit eine spontane Ovulation vor der Eizellentnahme zu verhindern, werden GnRH-Antagonisten eingesetzt oder, durch Dauerstimulation zur hypophysären Downregulation, GnRH-Agonisten im Langprotokoll.[4] Die Wahl des Protokolls richtet sich nach dem individuellen Risikoprofil der Patientin, insbesondere nach der Ovarialreserve und dem OHSS-Risiko.[5]
Die Follikelreifung wird mittels transvaginaler Sonographie und Hormonbestimmungen im Blut engmaschig überwacht. Die abschließende Ovulationstriggerung erfolgt durch HCG oder einen GnRH-Agonisten, woraufhin die Follikelpunktion zur Eizellentnahme 34–36 Stunden später durchgeführt wird.
Spermiengewinnung
Die für die ICSI benötigten Spermien können auf verschiedenen Wegen gewonnen werden:
- Ejakulat: Im Regelfall werden die Spermien aus dem Ejakulat des Mannes gewonnen und im Labor durch Aufbereitungsverfahren wie Swim-up oder Dichtegradientenzentrifugation angereichert.
- Epididymale Aspiration (MESA): Bei obstruktiver Azoospermie (z.B. nach Vasektomie oder bei kongenitaler Aplasie des Vas deferens) können Spermien direkt aus dem Nebenhoden aspiriert werden.
- Testikuläre Entnahme (TESE / Mikro-TESE): Bei nicht-obstruktiver Azoospermie mit eingeschränkter Spermatogenese werden Spermien operativ aus dem Hoden entnommen. Die Mikro-TESE bietet dabei die höchsten Erfolgsraten bei der Spermiengewinnung.[6]
Gewonnene Spermien können unmittelbar verwendet oder für spätere Zyklen kryokonserviert werden.
Methodik
Die ICSI wird unter dem Mikroskop mithilfe von Mikromanipulatoren und Mikropipetten durchgeführt.
Die Eizelle wird zunächst durch eine Haltepipette so fixiert, dass der Polkörper auf 12 Uhr steht, um die meist in der Nähe des Polkörpers gelegene Meiose-II-Spindel nicht zu schädigen. Von der rechten Seite (3 Uhr) wird ein Mikroinjektor herangeführt, der ein einzelnes Spermium enthält. Der Injektor penetriert das Oolemma und wird in das Ooplasma der Eizelle eingeführt, woraufhin das Spermium injiziert wird.
Nach der Injektion wird die Eizelle in das Nährmedium einer Zellkultur verbracht und am nächsten Tag auf eine erfolgreiche Befruchtung hin geprüft. Bei erfolgreicher Fertilisation wird der entstandene Embryo nach weiterer Kultivierung in die Gebärmutter der Frau transferiert (Embryotransfer). Überzählige Embryonen können kryokonserviert werden. Im Rahmen des ESchG ist zudem die Vitrifikation befruchteter Eizellen im Vorkernstadium möglich.
Die Selektion der Spermien erfolgt in der Regel anhand ihrer Morphologie und Beweglichkeit. Um reife Spermien genauer zu selektieren, kann die PICSI-Methode eingesetzt werden, bei der Spermien anhand ihrer Fähigkeit zur Bindung an Hyaluronsäure selektiert werden. Weitere Selektionsverfahren sind die IMSI (hochvergrößerungsmikroskopische Selektion) sowie die MACS (magnetisch aktivierte Zellsortierung). Der klinische Zusatznutzen dieser erweiterten Selektionstechniken ist nach aktueller Evidenz weiterhin unsicher und Gegenstand laufender Forschung. Für PICSI zeigt ein aktueller Cochrane-Review zwar eine moderate Reduktion der Abortrate, jedoch keinen gesicherten Vorteil bei der Lebendgeburtenrate. Für IMSI und MACS ist die Evidenzlage noch geringer.[7]
Erfolgsraten und Risiken
Die durchschnittliche Fertilisierungsrate bei ICSI beträgt 60–80 % pro injizierter Eizelle. Ein totales Fertilisierungsversagen ist möglich. Die Lebendgeburtenrate pro Embryotransfer ist stark altersabhängig. Sie nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Als ergänzende Maßnahme bei erhöhtem genetischen Risiko kann eine Präimplantationsgenetische Testung auf Aneuploidie (PGT-A) erwogen werden.
Zu den Risiken zählen neben dem ovariellen Hyperstimulationssyndrom (OHSS) im Rahmen der KOS, dessen Prävention in der ESHRE-Leitlinie zur ovariellen Stimulation detailliert geregelt ist,[5] auch das Risiko der Schädigung der Eizelle bei der Injektion sowie, bei Verwendung genetisch beeinträchtigter Spermien, eine mögliche Übertragung genetischer Störungen auf die Nachkommen. Metaanalysen zeigen ein leicht erhöhtes Risiko für kongenitale Anomalien bei ICSI-Nachkommen im Vergleich zur Spontankonzeption.[8]
Bei schwerer männlicher Infertilität (z.B. Azoospermie) sollte vor einer ICSI eine humangenetische Beratung erfolgen, da genetische Ursachen (z.B. Klinefelter-Syndrom, Y-chromosomale Mikrodeletionen) auf Söhne übertragen werden können.
Quellen
- ↑ Palermo et al., Pregnancies after intracytoplasmic injection of single spermatozoon into an oocyte, Lancet, 1992
- ↑ Intracytoplasmic sperm injection for nonmale factor indications: a committee opinion, abgerufen am 08.06.2026
- ↑ Esteves et al., Surgically retrieved spermatozoa for ICSI cycles in non-azoospermic males with high sperm DNA fragmentation in semen, Andrology, 2023
- ↑ Siristatidis et al., Gonadotropin-releasing hormone agonist protocols for pituitary suppression in assisted reproduction, Cochrane Database Syst Rev, 2025
- ↑ 5,0 5,1 Ata et al., ESHRE guideline: ovarian stimulation for IVF/ICSI: an update in 2025, Hum Reprod, 2026
- ↑ Kavoussi et al., Technologies to improve sperm retrieval in men undergoing micro-TESE for NOA, Asian J Androl, 2025
- ↑ Garg et al., Advanced sperm selection techniques for assisted reproduction, Cochrane Database Syst Rev, 2026
- ↑ Bhat et al., Congenital anomalies observed in children conceived through assisted reproductive technology-a systematic review and meta-analysis, J Assist Reprod Genet, 2025