Phlebotomus argentipes

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1 Definition

Phlebotomus argentipes ist eine anthropophile und zoophile Sandmücke der Gattung Phlebotomus, die als fast alleiniger Vektor für die Übertragung des Erregers Leishmania donovani von Mensch zu Mensch auf dem nordöstlichen indischen Subkontinent verantwortlich ist.

2 Hintergrund

Die durch Leishmania donovani bewirkte Anthroponose ist in einer relativ kleinen, aber dicht bevölkerten Region in Nordost-Indien, Südost-Nepal und dem mittlerem Bangladesh für mehr als zwei Drittel aller weltweiten Erkrankungen an viszeraler Leishmaniose verantwortlich.[1] Vor allem in Bangladesh tritt nach Ausheilung der viszeralen Leishmaniose in 10-20% aller Fälle PKDL als Folgeerkrankung in einer nicht selbstheilenden Form auf.

3 Vektorspezifität

Jeder Vektor einer menschlichen Leishmaniose muss zunächst anthropophil sein.[1] Mückenfallen-Studien auf dem indischen Subkontinent mit Menschen und Rindern (Hausrindern) als Ködern haben jedoch gezeigt, dass in peridomestischen Gebieten Rinder deutlich häufiger als Menschen Opfer von Blutmahlzeiten weiblicher Exemplare von Phlebotomus argentipes wurden, sofern Menschen und Rinder in ungefähr gleichem Umfang am Ort der Studie verfügbar waren. Es gibt eine Reihe von Studien, welche die These vertreten, dass Rinder in der Umgebung menschlicher Behausungen die Gefahr verringern, an einer Leishmaniose durch Leishmania donovani zu erkranken, jedoch ist die Studienlage hier nicht einheitlich.[2]

Im indischen Bundesstaat Bihar wurde in wildgefangenen Mücken der Spezies Phlebotomus argentipes Blut der folgenden Opfer identifiziert: Mensch, Hausrind, Büffel, Ziege und Huhn, wobei diese Reihenfolge die Anzahl der über das Blut der jeweiligen Opfer identifizierten Mücken (größte Mückenanzahl: Mensch, geringste Mückenanzahl: Huhn) widerspiegelt.[3]

Obwohl Phlebotomus argentipes eine primär zoophile Sandmücke ist, wird Leishmania donovani durch den Vektor ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Es gibt keinerlei Hinweise für eine zoonotische Infektion durch den Erreger.

4 Habitate

Heute gilt Phlebotomus argentipes auf dem indischen Subkontinent als fast ausschließlich peridomestischer Vektor. Ursprünglich war die Spezies ein Höhlenbewohner - Fledermäuse werden als hauptsächliche Stichopfer vermutet. Weiter wird angenommen, dass Häuser und Ställe die Rolle der ursprünglichen Höhlen übernommen haben. Zum Beispiel sind in Thailand und West-Malaysia die traditionellen Habitate der Spezies noch heute vorhanden. Dort werden Menschen nur äußerst selten gestochen.

5 Vektorkontrolle

Da der endophile Erreger Phlebotomus argentipes Häuser und andere umschlossene Räume als Habitate verwendet, íst der Einsatz von Sprühmitteln mit Residualeffekt in Innenräumen (IRS, von englisch "indoor residual spraying") zur Vektorbekämpfung grundsätzlich möglich, insbesondere dann, wenn die Wände aus porösem Material wie Lehm oder Holz errichtet wurden. In Indien wurde in mehreren Bundesstaaten versucht, den Erreger auf diese Weise konsequent mit DDT zu bekämpfen. Die DDT-Suspension verbleibt ca. 6 Monate wirksam an den Wänden haften, danach ist eine neue Applikation erforderlich.

In den 1950-er und 1960-er Jahren wurden durch Leishmanien bewirkte Infektionen aufgrund der damaligen Malaria-Bekämpfung mittels DDT stark dezimiert.[1]

5.1 Resistenz gegenüber DDT

In verschiedenen indischen Bundesstaaten, in denen der Erreger seit vielen Jahren mit DDT bekämpft wird, ist Phlebotomus argentipes heute weitgehend resistent gegenüber der üblichen DDT-Anwendung geworden.[1] Es wird versucht, dem Problem mit neuen DDT-Applikationsformen und anderen Innenraum-Insektiziden zu begegnen.

5.2 Verhaltensänderung von Populationen in Bezug auf ihre Habitate

Bei neueren DDT-Erstanwendungen in den letzten Jahren hat sich zudem gezeigt, dass der Erreger nicht vernichtet wurde, sondern sein Verhalten als Population geändert hat. Innerhalb weniger Monate ist es Phlebotomus argentipes in peridomestischen Wohngebieten (Wohnhäuser, Ställe, gemischte Gebäude) der indischen Bundesstaaten Bihar, Jharkhand und Westbengalen jeweils gelungen, vom endophilen zum exophilen Vektor zu mutieren. Die Mücken haben die besprühten menschlichen Wohneinrichtungen verlassen und sind in periphere verlassene Häuser, nahegelegene Gärten und umgebendes Buschwerk umgezogen und haben sich dort als überlebensfähig gezeigt. Frühere menschliche Wirte haben sie zum Teil durch neue Wirte ersetzt, wobei in Studien insbesondere das Verhalten gegenüber Rindern untersucht wurde. Auch haben sie von ihren neuen Habitaten bereits 15 Tage nach der Wandbesprühung wieder menschliche Häuser angeflogen und Blutmahlzeiten von zufällig dort angetroffenen Bewohnern genommen.

Einige Monate vor und nach Sprühaktionen wurden Blutmahlzeiten einer größeren Anzahl (mehr als 1300) weiblicher Sandmücken der Spezies Phlebotomus argentipes untersucht. Nach der Sprühaktion wurden nun in einem Vergleich zwischen Menschen und Rindern bedeutend mehr Blutmahlzeiten von Rindern aufgedeckt (vor IRS: Mensch 30.35% und Rind 56.05%; nach IRS: Mensch 9.43% und Rind 79.17%). Auch das Blutmahlzeiten-Verhältnis (englisch: Forage Ratio) pro Mensch versus Rind (auf Grundlage einer Volks- und Viehzählung in den betroffenen Regionen) hatte sich erheblich zu Ungunsten der Rinder verschoben.[4]

6 Durch vektorielle Fähigkeiten definierte Populationen

Phlebotomus argentipes ist in vielen asiatischen Ländern vertreten, ohne dass dort Leishmaniosen auftreten. Aufgrund von kleineren Unterschieden in der Morphologie und bei den kutikulären Kohlenwasserstoffen zwischen unterschiedlichen geographisch-definierten Populationen wurde die Vermutung geäußert, dass sich die Spezies aus 2 oder mehr Populationen (eventuell Zwillings-Spezies) mit unterschiedlichen vektoriellen Fähigkeiten zusammensetzt.[1]

7 Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Control of the leishmaniases WHO Technical Report 949, WHO 2010
  2. Bern et al. Of Cattle, Sand Flies and Men, PLoS Negl Trop Dis 4(2): e599. doi:10.1371/journal.pntd.0000599, 2010
  3. Garlapati et al. Identification of Bloodmeals in Wild Caught Blood Fed Phlebotomus argentipes, Journal of Medical Entomology 49(3):515-521, 2012
  4. Kumar et al. Analysing Host Preference Behavior of Phlebotomus argentipes (Diptera: Psychodidae) Under the Impact of Indoor Residual Spray, International Journal of TROPICAL DISEASE & Health 7(2): 69-79, 2015, Article no.IJTDH.2015.059 , ISSN: 2278–1005

Autoren: https://flexikon.doccheck.com/de/index.php?title=Phlebotomus_argentipes&action=history

Quelle: https://flexikon.doccheck.com/de/Phlebotomus_argentipes

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