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Oseltamivir

Version vom 19. September 2012, 20:04 Uhr von Lukas Geisler (Diskussion | Beiträge)

Handelsname: Tamiflu®

1 Definition

Oseltamivir ist ein Arzneistoff aus der Klasse der Neuraminidase-Hemmer mit Wirksamkeit in der Therapie und der Prophylaxe der Infektion mit dem Influenzavirus. Es handelt sich dabei um ein Prodrug, dessen Esterbindung nach oraler Einnahme zunächst gespalten werden muss. Die eigentliche Wirkform ist das Oseltamivircarboxylat.

Das Medikament ist verschreibungspflichtig.

2 Chemie

Die Summenformel von Oseltamivir lautet C16H28N2O4.

2.1 Strukturformel

Oseltamivir.png

3 Wirkmechanismus

Die Neuraminidase ist ein Enzym, das an der Freisetzung des Influenzavirus aus der Wirtszelle beteiligt ist. Sie spaltet die Bindung zwischen einem Rezeptor auf der Oberfläche der Wirtszelle, der mit Sialinsäure verbunden ist und dem Hämagglutinin auf der Oberfläche des Virions, dadurch wird das Virion aus einer infizierten Zelle freigesetzt und kann weitere Zellen infizieren.

Oseltamivir ist ein selektiver Inhibitor der Neuraminidase und verhindert damit Infektionen weiterer Zellen. Es wirkt virostatisch, nicht viruzid.

4 Pharmakokinetik

Oseltamivir wird nach oraler Einnahme schnell und vollständig resorbiert. In der Leber wird das Prodrug Oseltamivir durch verschiedene Esterasen in die aktive Form Oseltamivircarboxylat überführt.

Der aktive Metabolit wird nicht weiter verstoffwechselt und unverändert renal ausgeschieden. Bei älteren Patienten ist die Bioverfügbarkeit gesteigert.

5 Indikationen

  • Therapie der Virusgrippe (Influenza) bei Kindern ab einem Jahr und Erwachsenen mit influenzatypischen Symptomen
  • Postexpositionsprophylaxe bei Kindern ab einem Jahr und Erwachsenen

6 Klinische Wirksamkeit

6.1 Behandlung der Grippe

Oseltamivir verkürzt die Krankheitsdauer und mildert die Symptomatik einer Grippe, wenn mit der Einnahme innerhalb von 48 Stunden nach dem Auftreten der Symptome begonnen wird.

Auch die Inzidenz der durch bakterielle Superinfektionen hervorgerufenen Komplikationen einer Grippe (z.B. Bronchopneumonie, Mittelohrentzündung) konnte in klinischen Studien gesenkt werden.

Neuere Reviews (2009) gehen aufgrund der verfügbaren Studiendaten nur von einer mäßigen Effektivität von Oseltamivir gegen Grippessymptome aus. Insbesondere die Verhinderung von Komplikationen wird angezweifelt, da die Datengrundlage nicht ausreichend sei. Von den Autoren wird empfohlen, weitere unabhänigige klinische Studien mit Neuraminidasehemmern anzustrengen, um die Unsicherheiten zu klären. [1]

6.2 Prophylaxe nach Exposition und bei Epidemien

Oseltamivir ist wirksam zur Prophylaxe einer Grippeerkrankung. Im Rahmen einer Expositionsprophylaxe kann es nach dem Auftreten von Grippesymptomen bei der Indexpersonen bis zum Abklingen der Erkrankung eingesetzt werden.

Bei Untersuchungen zur Prophylaxe der saisonalen Grippe in der Bevölkerung konnte die Inzidenz der Grippe bei Personen, die 6 Wochen lang 1 mal 75 mg Oseltamivir einnahmen, im Vergleich zu Placebo deutlich gesenkt werden.

  • Anmerkung: Die Prophylaxe mit Oseltamivir ist nur in Ausnahmefällen indiziert. Eine Grippeschutzimpfung ist vorzuziehen.

7 Darreichungsform

Oseltamivir kann in Form von Kapseln direkt oder als Pulver nach Zubereitung einer wässrigen Suspension p.o. eingenommen werden.

8 Resistenzen

Wie bei anderen Neuraminidase-Hemmern muss auch bei Oseltamivir durch Mutationen des Virusgenoms mit einer zunehmenden Resistenzentwicklung gerechnet werden. In der Grippesaison 2007/2008 waren in den USA 12,3% der untersuchten H1N1-Virusstämme resistent. Vorläufige Ergebnisse der Grippesaison 2008/2009 weisen sogar auf eine Resistenzhäufigkeit von bis zu 98,5% bei H1N1-Virusstämmen hin. [2] Aus den vorliegenden Studien lassen sich jedoch generalisierten Ausagen über die Resistenzsituation eines bestimmten Virusstamms herleiten.

9 Nebenwirkungen

Während der Anwendung von Oseltamivir häufiger auftretende Nebenwirkungen bei Erwachsenen sind:

Seltener treten auf:

In sehr seltenen Fällen wird über das Auftreten schwerer Hautreaktionen wie dem Erythema multiforme und Leberfunktionsstörungen berichtet.

Im Rahmen der Anwendung bei Kindern tritt Erbrechen häufiger ein als bei Erwachsenen. Zusätzlich wurden bei Kindern das Auftreten von Epistaxis, Bauchschmerzen, Konjunktivitis und Funktionsstörungen des Ohres, die bei Fortsetzen der Applikation ohne weitere Therapie sistieren. In Japan wurden bei Kindern und Jugendlichen unter Oseltamivir neuropsychiatrische Ereignisse mit Bewusstseinstrübungen, Halluzinationen und Krämpfen beobachtet. [3]

In der Schwangerschaft sollte Oseltamivir möglichst nicht angewendet werden.

10 Dosierung

Die empfohlene Dosis beträgt zur Therapie der Grippe 2 x 75 mg/d, zur Prophylaxe 1 x 75 mg. Bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz ist eine Anpassung der Dosis erforderlich, ebenso bei der gleichzeitigen Einnahme von Probenecid.

11 Quellen

  1. Jefferson, T; Jones, M Doshi P, Del Mar Ch (2009). "Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis.". BMJ 339. 
  2. Dharan, NJ; Gubareva LV, Meyer JJ, Okomo-Adhiambo M, McClinton RC, Marshall SA, St George K, Epperson S, Brammer L, Klimov AI, Bresee JS, Fry AM (2009). "Infections with oseltamivir-resistant influenza A(H1N1) virus in the United States.". JAMA 301 (10): 1034-1041. 
  3. Jefferson, J; Jones M, Doshi P, Del Mar C (2009). "Possible harms of oseltamivir - a call for urgent action.". The Lancet 374 (9698): 1312-1313. 

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Fachgebiete: Pharmakologie

Diese Seite wurde zuletzt am 19. September 2012 um 20:04 Uhr bearbeitet.

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