Münchhausen-by-proxy-Syndrom

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nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen
Synonyme: Münchhausen-Stellvertretersyndrom, Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
Englisch: Munchausen syndrome by proxy, MSBP, factitious disorder by proxy, FDP

1 Definition

Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom ist eine Sonderform der artifiziellen Störung, bei der physisch gesunde Personen bei einem anderen Menschen (häufig dem eigenem Kind) Krankheiten vortäuschen oder bewusst herbeiführen, um anschließend eine medizinische Behandlung zu verlangen.

Es gehört wie das eigentliche Münchhausen-Syndrom zu den artifiziellen Störungen und wurde nach dem „Lügenbaron“ Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen benannt. Erste Fälle beschrieb der englische Kinderarzt Roy Meadow in „The Lancet“ im Jahre 1977. Im DSM-IV wird das Münchhausen-Syndrom unter die „nicht-näher bezeichneten vorgetäuschten Störungen“ eingeordnet, das Stellvertretersyndrom wird jedoch aus Gefahr möglicher Entlastung von Kindesmisshandlungen nicht aufgeführt.

2 Epidemiologie

Das Syndrom beschreibt zum fast ausschließlichen Teil Frauen, zu 90% Mütter, die Symptome bei Dritten, zumeist ihren eigenen Kindern, erfinden, übersteigern oder tatsächlich verursachen, um anschließend medizinische Behandlung einzufordern.

Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom tritt statistisch relativ selten auf, jedoch gehört es wahrscheinlich zu den häufigsten nicht erkannten Leiden, da seine Diagnose ein Detektivspiel für den Arzt darstellt. Die Patienten setzen sich zu 98% aus Frauen zusammen, wobei die leiblichen Mütter zu 90% die eigentlichen Täterinnen sind; der Rest besteht aus Pflege- oder Stiefmüttern. Die Frauen fallen vorwiegend als „gute Mütter“ auf, die ihre Kinder überfürsorglich und beschützerisch umgarnen und sich durch ihre medizinisch fachliche Versiertheit auszeichnen. Ein Großeil dieser Frauen ist tatsächlich im Pflegebereich tätig oder gibt an, als Krankenschwester zu arbeiten, auch wenn das nicht der Fall ist.

3 Einteilung

Es werden drei Phasen der artifiziellen Symptomherbeiführung unterschieden: In Phase eins schildern Mütter lediglich die nicht vorhandenen Symptome wie Herz- oder Atemstillstände oder epileptische Anfälle, wobei in der zweiten Phase Messdaten oder Körpersubstrate des Kindes verfälscht werden. So verändern Mütter Fieberkurven oder mischen sich selbst abgenommenes Blut oder Eiter in Urin oder Körperöffnungen. In der letzten Phase erzeugen die Patienten reale Symptome, indem sie dem Kind Medikamente oder Gifte verabreichen oder das Kind bis hin zur Bewusstlosigkeit mit einem Kissen oder der Hand ersticken. Dabei können auch nicht kindsgerechte Nahrung wie hohe Mengen an Salz eingeflößt werden, oder es wird die zuvor verabreichte Nahrung mittels Magensonde wieder abgepumpt.

4 Ätiologie

Die zentrale Frage stellt sich hier wie bei Kindesmisshandlungen auch schon: Wie können Mütter ihren eigenen Kinder derartige Schmerzen zufügen, ohne dabei selbst Leid zu empfinden?

Bei genauerem Betrachten sind die Frauen, die am Münchhausen-by-proxy-Syndrom leiden, überzufällig alleinerziehend oder getrennt lebend, während sie eine durchschnittliche Bildung und entweder einen Beruf im Medizinwesen oder eine Affinität zu medizinischen Berufen aufweisen. Meist führen sie distanzierte Beziehungen, die sie jedoch dominieren, erfahren im Gegenzug jedoch kaum Unterstützung und zeigen auch selbst destruktive Aggressionen, welche sie minderwertig, einsam und isoliert fühlen lassen. Generell beinhalten Beziehungen zu anderen Menschen Züge von Misstrauen, Täuschung und Verrat, dabei sind sie auch nicht in der Lage emotional tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Die heutigen Täterinnen waren zumeist selbst Opfer von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und sozialer Deprivation, die Familiensituation stellte sich meist als schwierig, unzuverlässig und feindselig dar.

Außerdem berichten diese Frauen meist selbst vielerlei medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen zu haben oder dass Familienmitglieder häufig krank und behandlungsbedürftig gewesen seien. Dieses Phänomen wird als Second-Hand-Münchhausen-by-proxy-Syndrom bezeichnet, indem die früheren Opfer zu den heutigen Tätern werden und das Syndrom durch transgenerationale Weitergabe von ihren Müttern „geerbt“ haben und dies somit auch wieder weitergeben werden. In dieser Destruktivitätsdynastie verarbeitet die vernachlässigte, vergewaltigte Frau ihre Vergangenheit nach innen, was einerseits auf sich selbst bezogen ist, aber in diesem Fall gegen das Kind, das auch eine Art des eigenen inneren Wesens darstellt. Männer im Gegensatz dazu verarbeiten solche Erlebnisse mit Aggressionen nach außen, wobei andere, außenstehende Personen zum Opfer werden.

Einerseits zeigen sich die Frauen in der Öffentlichkeit als die sorgsame Mutter, auf der anderen Seite fügen sie dem Kind im Privaten grausamste Verletzungen zu. Diese hier auffallende Janusköpfigkeit der Mutter lässt sich nach Freud mit der Triebtheorie deuten. Demnach weist jeder Mensch zwei Arten auf: den Lebenstrieb, der für die Selbst- und Arterhaltung, also für das Überleben und die Fortpflanzung des Individuums steht, sowie den Todestrieb, der die Rückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre und des Todes beschreibt. Folglich besteht eine Störung dieser Triebbalance, die die Mutter mittels selbsterzeugten Schäden am Kind auslebt um es sofort zu trösten, wodurch bei der Mutter ein Einzigartigkeitsgefühl entsteht, dass nur sie ihrem Kind diese Fürsorge und Aufmerksamkeit schenken kann. Diese Art der Selbstdarstellung benutzt die Täterin/ Patientin als Objekt der Selbsterhöhung und Autoheroisierung um die absolute Abhängigkeit des Kindes zu demonstrieren und so ihre Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Die dabei auftretende Empathielosigkeit ist mit der Störung oder Verlusts des eigenen Körperempfindens zu deuten, dass sich meist durch die im Kindesalter vollzogenen Misshandlungen entwickeln haben und dem früheren Opfer auch empathielos gegenüber gestanden wurde. Diese vorgelebte Empathielosigkeit weist auch Parallelen zu Müttern auf, die den Missbrauch ihrer eigenen Kinder durch männliche Tätern dulden.

5 Diagnose

Videoüberwachungen, die in verschiedenen Krankenhäuser bei Verdacht auf das Münchhausen-by-proxy-Syndrom verwendet werden, zeigen in den meisten Fällen den endgültigen Beweis. Dabei lässt sich meist folgendes Schema beobachten: Kurz nach der Gräueltat erscheint eine Krankenschwester im Zimmer, woraufhin die Mutter sofort anfängt das Kind zu streicheln und sich sorgsam um es zu kümmern. Sie versichert ihr Unwissen über den Grund des Weinens.

Klar scheint zu sein, dass solch ein Verhalten aus einer psychopathologischen Multikausalität entsteht und die Patientinnen vielerlei Komorbiditäten aufweisen. Während das Münchhausen-Syndrom mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung vergesellschaftet ist, tragen Patientinnen des Stellvertretersyndroms häufig depressive, histrionische und narzisstische Persönlichkeitszüge sowie Hinweise auf Ess- und Borderlinestörungen.

Angesichts der geringen Fallzahlen besteht bis heute noch keine klinisch erprobte Diagnostik, wobei die von Rosenberg 1987 erstellten Kriterien dabei helfen können:

  1. Erkrankungen eines Kindes werden durch eine nahe Bezugsperson, beispielsweise die Mutter, fälschlich angegeben, vorgetäuscht oder künstlich erzeugt bzw. aufrechterhalten.
  2. Das Kind wird, häufig wiederholt, zu medizinischen Untersuchungen und Behandlungen vorgestellt.
  3. Die wahren Ursachen für das angegebene oder vom Kind gezeigte Beschwerdebild werden bei medizinischen Vorstellungen nicht angegeben.
  4. Eventuell vorhandene akute Symptome oder Beschwerden beim Kind bilden sich zurück, wenn es zu einer Trennung von der verursachenden Person kommt.

Auffallend für die Diagnose des Münchhausen-Stellvertretersydnroms sollten die hohe Anzahl an Krankenhausaufenthalten, die ständig wechselnden, beliebigen, aber ausgeprägten Symptome wie Bauchschmerzen, epileptische Anfälle, Bewusstseinsverlust oder Kopfschmerzen sowie die vehemente Einforderung von medizinischer, vor allem aber auch invasiver Diagnostik und/oder Therapie sein. Hinzu kommt, dass sich die Mutter schnell mit dem medizinischen Personal, insbesondere aber mit dem Pflegepersonal anfreundet und sich als ein Teil des Teams sieht, das dem Kind nur das Beste möchte. Verdächtig muss auch die rasche Besserung der Symptomatik während des Krankhausaufenthaltes, aber insbesondere nach Trennung der Mutter vom Kind sein, vor allem wenn solche Symptome immer wieder nur zu Hause auftreten. Häufig ist es auch der Fall, dass die Opfer gezielt unter Druck gesetzt werden, um die Symptome bei Arztbesuchen zu bestätigen.

Die Diagnostik stellt ein regelrechtes Detektivspiel dar, da die Misshandlung meist zu Hause stattfindet und das andere Elternteil, meist der Vater, von der Diagnose überzeugt wird. Daher ist die sicherste Methode die Installierung einer Videokamera im Patientenzimmer, mit der die Täterinnen vor Ort überführt werden können. Dabei sollte die Täterin jedoch nicht auf die Tat angesprochen werden, sondern das Kind erstmal aus der Obhut der Mutter entfernt werden um dann weiteres Vorgehen zu starten.

6 Therapie

Obschon die Diagnose eines Münchhausen-by-proxy-Syndroms als äußerst schwierig einzuordnen ist, birgt die Therapie noch größere Hürden. Nach dem Verdacht des Arztes ohne hinreichenden videographischen Beweis, sollte eine stabile Arzt-Patienten-Beziehung zur Mutter das vorderste Ziel sein. Auf keinen Fall wird geraten, sofort zu denunzieren, da sonst eine rasche Beendigung der Beziehung befürchtet werden muss. Die Symptome sollten ohne Erwähnung des Betrugs thematisiert werden, für den eigentlichen Patienten, die Mutter, sollte sowohl Verständnis als auch Zeit und Geduld aufgebracht werden, um die Gründe der Taten nachvollziehen zu können. Dabei gilt in erster Linie natürlich auch der Schutz des Kindes, eventuell mittels Sorgerechtsentzug, wobei dabei das Phänomen des Multiple-Child-Münchhausen-by-proxy-Syndroms zu erwarten ist, indem die Mütter die Misshandlungen bei ihren anderen Kindern fortführt.

Mit einem Übergleiten in eine stationär-ambulante Intervalltherapie muss nach einer individuellen Therapie aus verhaltenstherapeutischen, psychoedukativen und/oder konfliktorientierten Elementen gesucht werden, da es für das Stellvertretersyndrom keine evidenzbasierte Therapie gibt. Jedoch haben für dieses sanfte Übergleiten nur circa ein Viertel der Betroffenen die dafür benötigten Voraussetzungen, dem Rest sollte durch eine psychiatrisch-psychotherapeutische Krisenintervention geholfen werden.

Die Prognose ist jedoch eher ungünstig, sowohl für die Genesung der Mütter, als auch für die des Kindes, das durch die Traumatisierungen körperliche und psychische Schädigungen erlitten hat, wodurch sich sein eigenes Sterberisiko erhöht und zum anderen durch die transgenerationale Weitergabe wieder Gefahren für die zukünftigen eigenen Kinder entwickeln.

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Quelle: https://flexikon.doccheck.com/de/M%C3%BCnchhausen-by-proxy-Syndrom

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