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Barbiturat: Unterschied zwischen den Versionen

 
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Als '''Barbiturate''' bezeichnet man eine Gruppe von [[Arzneistoff]]en mit [[sedierend]]er, [[hypnotisch]]er und [[narkotisch]]er Wirkung. Sie leiten sich von der Barbitursäure ab (Diureide)
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Als '''Barbiturate''' bezeichnet man eine Gruppe von [[Arzneistoff]]en mit [[sedierend]]er, [[hypnotisch]]er und [[narkotisch]]er Wirkung. Sie gelten in Deutschland nach Anlage III des [[Betäubungsmittelgesetz]]es als [[Betäubungsmittel]].<ref>[https://www.gesetze-im-internet.de/btmg_1981/anlage_iii.html BtMG Anlage III], abgerufen am 16.09.2019</ref>
 
   
 
   
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Die Grundstruktur der Barbiturate ist die [[Barbitursäure]], die in einer [[Kondensationsreaktion]] aus [[Harnstoff]] und [[Mevalonsäure]] entsteht. Durch unterschiedliche [[Substitution]]en am Grundmolekül entstehen verschiedene [[Derivat]]e mit unterschiedlicher [[Pharmakokinetik]]. Pharmakologisch wirksam ist nur die ungeladene, [[lipophil]]e Form.
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==Einteilung==
 
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Man unterscheidet folgende Typen von Barbituraten:
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Man unterscheidet drei Typen von Barbituraten:
*kurz wirkende: z.B. [[Methohexital]], [[Thiopental]]
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===Kurz wirkende Barbiturate===
*mittellang wirkende: z.B. [[Cyclobarbital]]
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Kurz wirkende Barbiturate sind stark [[lipophil]]. Ihre Wirkung tritt bei [[intravenös]]er Gabe sofort ein, ihre Wirkdauer liegt zwischen 10 bis 15 Minuten. Die [[Eliminationshalbwertszeit]] beträgt 3 bis 8 Stunden. Das aktuell (2019) einzige verfügbare kurz wirkende Barbiturat ist [[Thiopental]], welches als [[Injektionsanästhetikum]] zur [[Narkoseeinleitung]] verwendet wird.
*lang wirkende: z.B. [[Phenobarbital]]
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==Wirkweise==
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In Deutschland nicht mehr erhältlich sind [[Methohexital]] und [[Hexobarbital]].
Barbiturate wirken [[biochemisch]] als direkter Agonist an [[GABAa-Rezeptor]]en. So verstärken sie deren inhibitorische Wirkung. Zudem wirken sie hemmend an glutamatergen AMPA-Rezeptoren. In höheren Dosierungen können sie spannungsgesteuerte Natriumkanäle blockieren.
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===Mittellang wirkende Barbiturate===
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Aktuell (2019) sind keine mittellang wirkenden Barbiturate in Deutschland erhältlich. Früher wurden [[Cyclobarbital]] und [[Pentobarbital]] bei [[Schlafstörung]]en verwendet.
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===Lang wirkende Barbiturate===
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Lang wirkende Barbiturate sind schlecht lipidlöslich und besitzen einen verzögerten Wirkeintritt von ungefähr 15 Minuten. Die Wirkdauer beträgt ca. 10 bis 18 Stunden bei einer Eliminationshalbwertszeit von drei Tagen. Dabei werden sie überwiegend unverändert [[renal]] eliminiert.
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In Deutschland ist aktuell (2019) nur [[Phenobarbital]] erhältlich. Es wird zur [[Sedierung]] und bei [[Krampfanfall|Krampfanfällen]] eingesetzt.
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Historisch gesehen zählt [[Barbital]] ebenfalls zu den lang wirkenden Barbituraten.
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[[Primidon]] ist ein [[Prodrug]] von Phenobarbital, das bei [[essentieller Tremor|essentiellem Tremor]] und [[Myoklonie]]n sowie als Reservemittel für therapieresistente [[fokaler epileptischer Anfall|fokale]] und [[generalisierter epileptischer Anfall|generalisierte Krampfanfälle]] eingesetzt wird.
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==Wirkmechanismus==
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Funktionell führen Barbiturate zu einer Hemmung der [[Formatio reticularis]].
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Auf molekularer Ebene wirken Barbiturate als positive [[allosterischer Modulator|allosterische Modulatoren]] an der β-Untereinheit von [[GABA-A-Rezeptor]]en. Das bedeutet, dass sie an den Rezeptor binden und ''in Anwesenheit'' von [[GABA]] die Öffnungswahrscheinlichkeit des Rezeptors erhöhen. Durch die erhöhte Öffnungsfrequenz strömen vermehrt [[Chlorid]]ionen durch den [[ionotroper Rezeptor|ionotropen Rezeptor]]. Es kommt letztlich zu einer [[Hyperpolarisation]] der [[postsynaptisch]]en Zelle ([[inhibitorisch]]e [[Synapse]]). In hohen Konzentrationen können Barbiturate - im Unterschied zu [[Benzodiazepine]]n - den Rezeptor GABA-unabhängig aktivieren. Dadurch lässt sich unter anderem die [[Toxizität]] dieser Stoffklasse erklären.
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Barbiturate wirken zudem hemmend an [[glutamaterg]]en [[AMPA-Rezeptor]]en. In höheren Dosierungen können sie spannungsgesteuerte [[Natriumkanal|Natriumkanäle]] blockieren und die [[Atmungskette]] hemmen, indem sie die Übertragung der [[Elektron]]en vom [[Flavinmononukleotid]] auf [[Ubichinon]] behindern (Komplex I).
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==Wirkung==
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Barbiturate wirken dosisabhängig [[sedativ]], hypnotisch und narkotisch. Weiterhin besitzen sie eine [[antikonvulsiv]]e und [[Hyperalgesie|hyperalgetische]] Wirkung. Sie zeigen keine [[analgetisch]]en oder [[Muskelrelaxans|muskelrelaxierenden]] Effekte.  
  
 
==Verwendung==
 
==Verwendung==
Barbiturare finden Verwendung als [[Injektionsnarkotikum|Injektionsnarkotika]] (kurz wirkende Barbiturate) und als [[Antiepileptikum|Antiepileptika]]. Auch zur Senkung des Hirndrucks werden sie eingesetzt.
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* in Ausnahmefällen als Injektionsanästhetikum zur Narkoseeinleitung (Thiopental)
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* zur [[Hirndrucksenkung]] (Thiopental)  
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* zur [[Sedierung]] (Phenobarbital)
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* [[Barbituratnarkose]] beim [[Status epilepticus]] (Thiopental, Phenobarbital)
  
Aufgrund der Risiken (Gefahr der [[Abhängigkeit]], [[Toxizität]]) werden sie nicht mehr als [[Schlafmittel]] eingesetzt.
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Aufgrund der geringen therapeutischen Breite und der vielen Nebenwirkungen werden Barbiturate nicht mehr als [[Schlafmittel]] eingesetzt.
  
 
==Nebenwirkungen==
 
==Nebenwirkungen==
Zu den unerwünschten Nebenwirkungen gehören u.a. [[Sedierung]], [[Schwindel]], [[Amnesie]], [[Übelkeit]], [[Erbrechen]], [[Hautreaktion]]en, und [[Leberfunktionsstörung]]en. Bei einer [[Vergiftung]] mit Barbituraten treten Atem- und Herzstillstand auf.
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In hynotischer Dosierung sind folgende Nebenwirkungen möglich:
Bei versehentlicher intraarterieller oder paravasaler Gabe wirken Barbiturate stark Gewebsschädigend und müssen sofort durch NaCl verdünnt werden.
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* morgendliches Nachwirken mit [[Schläfrigkeit]], [[Schwindel]], Verlangsamung
Bei einer Langzeitbehandlung entwickelt sich eine starke Abhängigkeit, weswegen Vorsicht geboten ist! Bei Entzug können [[Übererregbarkeit]], [[Angst]] und [[Krampfanfall|Krampfanfälle]] auftreten.
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* [[Übelkeit]], [[Erbrechen]]
Barbiturate unterliegen der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung ([[BtMVV]]).
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* paradoxe Erregung vor allem bei älteren Patienten und Kindern
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* [[allergisch]]e Hautreaktionen (z.B. [[Exanthem]]e, [[Urtikaria]])
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* [[Histamin]]freisetzung
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* [[Bronchospasmus]], [[Laryngospasmus]]  
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* [[Reflextachykardie]]
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* Induktion des [[Cytochrom-P450-System]]s in der [[Leber]] mit beschleunigtem Abbau von Barbituraten ([[Toleranz]]entwicklung) und von anderen Pharmaka (s.u.)
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* [[Suchtpotential]] bei chronischer Einnahme
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* Entzugssymptomatik bei plötzlichem Absetzen (Übererregbarkeit, [[Angst]] und [[Krampfanfall|Krampfanfälle]])
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* [[Floppy-infant-Syndrom]] bei [[Neugeborenes|Neugeborenen]]
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Des Weiteren kann es in narkotischer Dosierung zu einer [[Atemdepression]] und [[kardiovaskulär]]en Depression ([[Blutdruckabfall]], Abnahme des [[Herzzeitvolumen]]s) kommen.  
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Bei versehentlicher [[intraarteriell]]er oder [[paravasal]]er Gabe wirken Barbiturate stark gewebsschädigend und müssen sofort durch Gabe von 0,9 %iger [[Kochsalzlösung|NaCl-Lösung]] verdünnt werden. Anschließend kann [[Heparin]] oder [[Lidocain]] intraarteriell verabreicht werden.
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==Wechselwirkungen==
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* Substanzen mit sedierender oder atemdepressiver Wirkung (Alkohol, [[Antihistaminika]] der ersten Generation, Benzodiazepine, [[Hypnotika]], [[Narkotikum|Narkotika]], [[Antidepressiva]], [[Neuroleptikum|Neuroleptika]], [[Opioid]]e, Muskelrelaxantien): [[synergistisch]]er Effekt
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* [[Antikoagulans|orale Antikoagulantien]], [[Carbamazepin]], [[Clonazepam]], [[Diazepam]], [[Phenytoin]], [[Digitoxin]], [[Doxycyclin]], [[Chloramphenicol]], [[Glukokortikoid]]e, [[Orales Kontrazeptivum|orale Kontrazeptiva]], [[Methotrexat]]: verminderte Wirkung der angeführten Sustanzen aufgrund eines beschleunigten Abbaus
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* [[Valproat]], [[MAO-Hemmer]]: verstärkte Wirkung von Barbituraten durch verminderten Abbau
  
 
==Kontraindikationen==
 
==Kontraindikationen==
Porphyrie ist eine Kontraindikation da Barbiturate die Aminolävulinsäuresynthase induzieren, und sich somit vermehrt Zwischenprodukte der Hämsynthese anreichern.
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* akute [[Porphyrie]] (Aktivierung der [[Delta-Aminolävulinsäuresynthase]] mit vermehrter Bildung von [[Porphyrin]]-Vorstufen und Gefahr eines akuten Anfalls)
Auch ein Status Asthmaticus ist eine Kontraindikation aufgrund einer Histaminfreisetzung durch Barbiturate.
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* schwere [[Leberinsuffizienz]]
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* schwere [[Niereninsuffizienz]]
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* akute [[Intoxikation]] mit zentral dämpfenden Pharmaka oder [[Alkohol]]
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* [[Status asthmaticus]]
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* [[Myasthenia gravis]]
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* [[Herzinsuffizienz]]
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* [[Ateminsuffizienz]] (incl. [[Status asthmaticus]])
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* [[Myxödem]]
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* strenge Indikationsstellung während [[Schwangerschaft]] und [[Stillzeit]]
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==Quellen==
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<references/>
 
[[Fachgebiet:Pharmakologie]]
 
[[Fachgebiet:Pharmakologie]]
 
[[Tag:Arzneistoff]]
 
[[Tag:Arzneistoff]]
 
[[Tag:Hypnotikum]]
 
[[Tag:Hypnotikum]]
 
[[Tag:Medikament]]
 
[[Tag:Medikament]]

Aktuelle Version vom 17. September 2019, 13:41 Uhr

Englisch: barbiturate

1 Definition

Als Barbiturate bezeichnet man eine Gruppe von Arzneistoffen mit sedierender, hypnotischer und narkotischer Wirkung. Sie gelten in Deutschland nach Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes als Betäubungsmittel.[1]

2 Chemie

Die Grundstruktur der Barbiturate ist die Barbitursäure, die in einer Kondensationsreaktion aus Harnstoff und Mevalonsäure entsteht. Durch unterschiedliche Substitutionen am Grundmolekül entstehen verschiedene Derivate mit unterschiedlicher Pharmakokinetik. Pharmakologisch wirksam ist nur die ungeladene, lipophile Form.

3 Einteilung

Man unterscheidet drei Typen von Barbituraten:

3.1 Kurz wirkende Barbiturate

Kurz wirkende Barbiturate sind stark lipophil. Ihre Wirkung tritt bei intravenöser Gabe sofort ein, ihre Wirkdauer liegt zwischen 10 bis 15 Minuten. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 3 bis 8 Stunden. Das aktuell (2019) einzige verfügbare kurz wirkende Barbiturat ist Thiopental, welches als Injektionsanästhetikum zur Narkoseeinleitung verwendet wird.

In Deutschland nicht mehr erhältlich sind Methohexital und Hexobarbital.

3.2 Mittellang wirkende Barbiturate

Aktuell (2019) sind keine mittellang wirkenden Barbiturate in Deutschland erhältlich. Früher wurden Cyclobarbital und Pentobarbital bei Schlafstörungen verwendet.

3.3 Lang wirkende Barbiturate

Lang wirkende Barbiturate sind schlecht lipidlöslich und besitzen einen verzögerten Wirkeintritt von ungefähr 15 Minuten. Die Wirkdauer beträgt ca. 10 bis 18 Stunden bei einer Eliminationshalbwertszeit von drei Tagen. Dabei werden sie überwiegend unverändert renal eliminiert.

In Deutschland ist aktuell (2019) nur Phenobarbital erhältlich. Es wird zur Sedierung und bei Krampfanfällen eingesetzt.

Historisch gesehen zählt Barbital ebenfalls zu den lang wirkenden Barbituraten.

Primidon ist ein Prodrug von Phenobarbital, das bei essentiellem Tremor und Myoklonien sowie als Reservemittel für therapieresistente fokale und generalisierte Krampfanfälle eingesetzt wird.

4 Wirkmechanismus

Funktionell führen Barbiturate zu einer Hemmung der Formatio reticularis.

Auf molekularer Ebene wirken Barbiturate als positive allosterische Modulatoren an der β-Untereinheit von GABA-A-Rezeptoren. Das bedeutet, dass sie an den Rezeptor binden und in Anwesenheit von GABA die Öffnungswahrscheinlichkeit des Rezeptors erhöhen. Durch die erhöhte Öffnungsfrequenz strömen vermehrt Chloridionen durch den ionotropen Rezeptor. Es kommt letztlich zu einer Hyperpolarisation der postsynaptischen Zelle (inhibitorische Synapse). In hohen Konzentrationen können Barbiturate - im Unterschied zu Benzodiazepinen - den Rezeptor GABA-unabhängig aktivieren. Dadurch lässt sich unter anderem die Toxizität dieser Stoffklasse erklären.

Barbiturate wirken zudem hemmend an glutamatergen AMPA-Rezeptoren. In höheren Dosierungen können sie spannungsgesteuerte Natriumkanäle blockieren und die Atmungskette hemmen, indem sie die Übertragung der Elektronen vom Flavinmononukleotid auf Ubichinon behindern (Komplex I).

5 Wirkung

Barbiturate wirken dosisabhängig sedativ, hypnotisch und narkotisch. Weiterhin besitzen sie eine antikonvulsive und hyperalgetische Wirkung. Sie zeigen keine analgetischen oder muskelrelaxierenden Effekte.

6 Verwendung

Aufgrund der geringen therapeutischen Breite und der vielen Nebenwirkungen werden Barbiturate nicht mehr als Schlafmittel eingesetzt.

7 Nebenwirkungen

In hynotischer Dosierung sind folgende Nebenwirkungen möglich:

Des Weiteren kann es in narkotischer Dosierung zu einer Atemdepression und kardiovaskulären Depression (Blutdruckabfall, Abnahme des Herzzeitvolumens) kommen.

Bei versehentlicher intraarterieller oder paravasaler Gabe wirken Barbiturate stark gewebsschädigend und müssen sofort durch Gabe von 0,9 %iger NaCl-Lösung verdünnt werden. Anschließend kann Heparin oder Lidocain intraarteriell verabreicht werden.

8 Wechselwirkungen

9 Kontraindikationen

10 Quellen

  1. BtMG Anlage III, abgerufen am 16.09.2019

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