Bitte logge Dich ein, um diesen Artikel zu bearbeiten.
Bearbeiten

Arterielle Hypertonie: Unterschied zwischen den Versionen

(Schreibweise)
(Medikamentöse Therapie)
 
(131 dazwischenliegende Versionen von 30 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
 
''Synonym: Bluthochdruck''<BR>
 
''Synonym: Bluthochdruck''<BR>
'''''Englisch''': hypertension''
+
''Abkürzung: aHT''<br>
 +
'''''Englisch''': hypertension, [[:en:arterial hypertension|arterial hypertension]]''
 +
[[en:Arterial hypertension]]
  
 
==Definition==
 
==Definition==
Nach [[WHO]]-Kriterien spricht man von einer '''arteriellen Hypertonie''', wenn ein [[systolisch]]er Blutdruck höher als 140 mmHg oder ein [[diastolisch]]er Blutdruck größer als 90 mmHg vorliegt.
+
Eine '''arterielle Hypertonie''' ist eine [[kardiovaskuläre Erkrankung]], die durch [[systolisch]]e [[Blutdruck]]werte ≥ 140 [[mmHg]] und/oder [[diastolisch]]e Blutdruckwert von ≥ 90 mmHg definiert ist.  
  
Ein systolischer [[Blutdruck]] höher als 120 mmHg oder ein diastolischer Blutdruck höher als 80 mmHg gilt als grenzwertig
+
==Hintergrund==
 +
Die arterielle Hypertonie ist sowohl eine eigenständige [[Krankheitsentität]], als auch ein bedeutender [[Risikofaktor]] für weitere Krankheiten des [[Herz-Kreislauf-System]]s und anderer [[Organ]]e. Das Teilgebiet der Medizin, das sich speziell mit der arteriellen Hypertonie auseinandersetzt, ist die [[Hypertensiologie]].
  
 
==Epidemiologie==
 
==Epidemiologie==
Die [[Prävalenz]] der arteriellen Hypertonie in westlichen Industrieländern ist relativ hoch. Die Angaben  in den verschiedenen epidemiologischen Studien weichen jedoch teilweise deutlich voneinander ab. Eine [http://litbot.doccheck.com/de/cont_5.php?page=1&abstractid=12746359 Studie] aus dem Jahr 2003, die in 6 Europäischen Ländern, Kanada und den USA durchgeführt wurde, gibt die Prävalenz der Hypertonie in Europa mit 44% der Bevölkerung über 35 Jahre an. Für die USA wird eine Prävalenz von 28% angegeben.
+
Die arterielle Hypertonie ist die häufigste internistische Erkrankung.<ref name="zwei">Herold et al. Innere Medizin, 2019</ref> Die [[Prävalenz]] in Europa beträgt bei Erwachsenen ungefähr 30 [[Prozent|%]].<ref name="zwei"/> 2018 wurde bei 19 Millionen [[Gesetzliche Krankenversicherung|gesetzlich Krankenversicherten]] in Deutschland eine arterielle Hypertonie festgestellt. Dabei ergaben sich innerhalb von Deutschland regionale Unterschiede, insbesondere im Osten Deutschlands zeigten sich höhere Prävalenzen.<ref>Holstiege et al. Diagnoseprävalenz der Hypertonie in der vertragsärztlichen Versorgung - aktuelle deutschlandweite Kennzahlen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Versorgungsatlas-Bericht Nr. 20/01, Berlin 2020.</ref>
Als grobe Näherung lässt sich sagen, dass
+
 
* im Alter zwischen 45-54 Jahren 20-30%,  
+
Zudem ist ein Anstieg der Häufigkeit mit zunehmendem [[Alter]] zu beobachten.<ref name="vier">[https://leitlinien.dgk.org/files/2014_Pocket-Leitlinien_Arterielle_Hypertonie.pdf Pocket-Leitlinie 2013], abgerufen am 11.11.2021</ref>
* im Alter zwischen 55-64 Jahren 30-40% und
+
* im Alter zwischen 65-74 Jahren 40-50%
+
der Bevölkerung in Europa unter Bluthochdruck leiden.
+
  
 
==Einteilung==
 
==Einteilung==
Die arterielle Hypertonie lässt sich nach sehr vielen verschiedenen Aspekten einteilen, die teils eher pathophysiologisch, teils eher klinisch geprägt sind.
+
Die arterielle Hypertonie lässt sich nach sehr vielen verschiedenen Aspekten einteilen, die teils eher [[pathophysiologisch]], teils eher klinisch geprägt sind.
  
 
===Einteilung nach Ursache===
 
===Einteilung nach Ursache===
'''Primäre Hypertonie''': Hypertonie, die ohne erkennbare Ursachen entsteht. Sie wird auch als [[essentiell]]e Hypertonie bezeichnet. Sie stellt den überwiegenden Anteil der Hypertonie-Fälle bei Erwachsenen dar (ca. 85%). Bei Kindern ist genau das Gegenteil der Fall.
+
'''Primäre Hypertonie''': Hypertonie, die ohne erkennbare sekundäre Ursachen entsteht. Sie wird auch als [[essentiell]]e oder [[idiopathisch]]e Hypertonie bezeichnet. Die primäre Hypertonie macht den überwiegenden Anteil der Hypertonie-Fälle bei Erwachsenen aus (ca. 90 %) und tritt meist erst nach dem 30. Lebensjahr auf.<ref name="zwei"/>
 +
 
 +
'''Sekundäre Hypertonie''': Darunter versteht man eine Hypertonie, die als Folge einer anderen Grunderkrankung auftritt, bzw. von nachweisbaren Faktoren ausgelöst wird. Hinweise für das Vorliegen einer sekundären Hypertonie können beispielsweise ein junges Erkrankungsalter, das Nichtansprechen auf die [[antihypertensiv]]e Therapie oder eine fehlende ([[physiologisch]]e) Nachtabsenkung in der [[Langzeitblutdruckmessung]] ("[[Non-Dipper]]") sein.
 +
 
 +
Nur etwa 10 % der Erwachsenen leiden an einer sekundären Hypertonie, bei Kindern macht sie jedoch den Hauptteil der arteriellen Hypertonien aus.
  
'''Sekundäre Hypertonie''': Darunter versteht man eine Hypertonie, die als Folge einer anderen Grunderkrankung auftritt, bzw. von nachweisbaren Faktoren ausgelöst wird. Die sekundäre Hypertonie stellt den kleineren Anteil der Fälle bei Erwachsenen dar (ca. 15%). Bei Kindern ist genau das Gegenteil der Fall. Mögliche Ursachen sind:
+
Mögliche Ursachen sind:<ref name="zwei"/>
* Nierenerkrankungen ("[[Renale Hypertonie]]")
+
* [[Obstruktives Schlafapnoesyndrom]] (häufigste Ursache)
 +
* Erkrankungen der [[Niere]] ("[[Renale Hypertonie]]")
 +
** Renoparenchymatöse Erkrankungen (z.B. [[Glomerulonephritis]]), )
 +
** [[Renovaskulär]]e Erkrankungen (z.B. [[Nierenarterienstenose]])
 
* [[Endokrin]]e Störungen ("Endokrine Hypertonie")
 
* [[Endokrin]]e Störungen ("Endokrine Hypertonie")
** [[Hyperthyreose]]
+
** [[Hyperthyreose]] oder [[Hypothyreose]]
** [[Hyperaldosteronismus]] (Conn-Syndrom)
+
** Primärer [[Hyperaldosteronismus]] (Conn-Syndrom); sekundärer Hyperaldosteronismus
** [[Pseudohyperaldosteronismus]]
+
** [[Hyperparathyreoidismus]]
+
 
** [[Akromegalie]]
 
** [[Akromegalie]]
** [[Cushing-Syndrom]]
+
** [[Adrenogenitales Syndrom]]
 +
** [[Cushing-Syndrom]], [[Morbus Cushing]]
 
** [[Phäochromozytom]] u.v.a.
 
** [[Phäochromozytom]] u.v.a.
 
* Gefäßerkrankungen
 
* Gefäßerkrankungen
 
** [[Aortenisthmusstenose]]
 
** [[Aortenisthmusstenose]]
 +
** [[Sklerose]] der [[Aortenklappe]]
 
** [[Vaskulitis]]
 
** [[Vaskulitis]]
 
** [[Kollagenosen]]
 
** [[Kollagenosen]]
**[[Nierenarterienstenose]]
+
*[[Psychogen]] (z.B. [[Schmerz]]en)
* Tumoren ([[Renin]]-produzierende Tumoren, Hirntumoren)
+
*[[Neurogen]] (z.B. [[Enzephalitis]])
  
 
Nicht zur chronischen arteriellen Hypertonie werden vorübergehende Blutdruckerhöhungen gezählt, die u.a. durch folgende Ursachen ausgelöst werden:
 
Nicht zur chronischen arteriellen Hypertonie werden vorübergehende Blutdruckerhöhungen gezählt, die u.a. durch folgende Ursachen ausgelöst werden:
* Medikamente ([[Kortikosteroid]]e, [[Cyclosporin]], [[Erythropoetin]], [[Adrenalin]])
+
* [[Medikamente]] ([[Kortikosteroid]]e, [[Cyclosporin]], [[Erythropoetin]], [[SSRI]], [[SNRI]], [[Bupropion]], [[Methylphenidat]], [[Modafinil]], [[Adrenalin]], [[Bevacizumab]], [[Ovulationshemmer]])
* Drogen ([[Alkohol]], [[Kokain]], [[Amphetamin]])
+
* [[Drogen]] ([[Alkohol]], [[Kokain]], [[Amphetamin]], [[Ecstasy]])
* Vergiftungen ([[Kohlenmonoxid]])
+
* [[Vergiftung]]en ([[Kohlenmonoxid]])
 +
* Süßigkeiten ([[Lakritz]])
 
* [[Schwangerschaft]] (''siehe'': [[Schwangerschaftsinduzierte Hypertonie]] (SIH))
 
* [[Schwangerschaft]] (''siehe'': [[Schwangerschaftsinduzierte Hypertonie]] (SIH))
  
===Einteilung nach ESH===
+
===Einteilung anhand der Blutdruckwerte===
Die [[ESH]] ''("European Society of Hypertension", Europäische Hochdruck-Gesellschaft)'' nimmt eine Einteilung der Hypertonie nach der Höhe des Blutdruckwerts vor:
+
In der aktuellen [https://leitlinien.dgk.org/files/28_2018_pocket_leitlinien_arterielle_hypertonie.pdf Pocket-Leitlinie] (Version 2019) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wird die arterielle Hypertonie wie folgt klassifiziert:
<table title="Einteilung nach ESH" width = 100%>
+
<tr>
+
<th width="33%">'''Grad'''</th>
+
<th width="33%">'''Systolischer RR'''</th>
+
<th width="33%">'''Diastolischer RR'''</th>
+
</tr>
+
<tr>
+
<td>Grad 1 (mild)</td>
+
<td>140-159 mm Hg</td>
+
<td>90-99 mm Hg</td>
+
</tr>
+
<tr>
+
<td>Grad 2 (moderat)</td>
+
<td>160-179 mm Hg</td>
+
<td>100-109 mm Hg</td>
+
</tr>
+
<tr>
+
<td>Grad 3 (schwer)</td>
+
<td>> 180 mm Hg</td>
+
<td>> 110 mm Hg</td>
+
</tr>
+
</table>
+
 
+
===Einteilung nach WHO===
+
Die Hypertonie läßt sich je nach [[Organ]]schädigung von Gefäßen, [[Auge]]n, [[Herz]], [[Niere]]n etc. in nach den Empfehlungen der WHO in 3 Grade einteilen:
+
{|
+
|-
+
! '''Grad'''
+
! '''Organschädigung'''
+
|-
+
| Grad&nbsp;I
+
| Hypertonie ohne Endorganschäden
+
|-
+
| Grad&nbsp;II
+
| Hypertonie mit Endorganschäden (z.B. [[Fundus hypertonicus]] (Grad I und II), [[Plaque]]bildung in größeren Gefäßen)
+
|-
+
| Grad&nbsp;III
+
| Hypertonie mit manifesten [[kardiovaskulär]]en Folgeerkrankungen (z.B. [[Angina pectoris]], [[Herzinfarkt]], [[Hirninfarkt]], [[pAVK]])
+
|}
+
 
+
===Einteilung nach AWMF===
+
Die Definitionen und Klassifikation der Blutdruckwerte in den [http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/046-001_S2_Behandlung_der_arteriellen_Hypertonie_06-2008_06-2013.pdf Leitlinien zur Behandlung der arteriellen Hypertonie] des [[AWMF]] (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) folgen den WHO-Definitionen.
+
 
{|  
 
{|  
 
! | '''Kategorie'''
 
! | '''Kategorie'''
! | '''[[systolisch]]''' (mmHg)
+
! | '''systolisch''' (mmHg)
! | '''[[diastolisch]]''' (mmHg)
+
! | '''diastolisch''' (mmHg)
 
|-
 
|-
 
| Optimaler Blutdruck
 
| Optimaler Blutdruck
Zeile 104: Zeile 70:
 
| Mittlere Hypertonie (Grad 2) || 160–179 || 100–109
 
| Mittlere Hypertonie (Grad 2) || 160–179 || 100–109
 
|-
 
|-
| Schwere Hypertonie (Grad 3) || > 180 || > 110
+
| Schwere Hypertonie (Grad 3) || 180 || 110
 
|-
 
|-
 
| Isolierte systolische Hypertonie || > 140 || < 90
 
| Isolierte systolische Hypertonie || > 140 || < 90
 
|-
 
|-
 
|}
 
|}
* Fallen bei einem Patienten systolischer und diastolischer Blutdruck in unterschiedliche Kategorien, sollte die höhere Kategorie angewendet werden.
+
* Die [[isolierte systolische Hypertonie]] sollte in Abhängigkeit von der Höhe des systolischen Blutdrucks in drei Grade eingeteilt werden:
* Die isolierte systolische Hypertonie sollte in Abhängigkeit von der Höhe des systolischen Blutdrucks in drei Grade eingeteilt werden:
+
 
** Grad 1: 140-159
 
** Grad 1: 140-159
 
** Grad 2: 160-179
 
** Grad 2: 160-179
Zeile 117: Zeile 82:
  
 
===Weitere Einteilungen===
 
===Weitere Einteilungen===
* Form der Blutdruckerhöhung
+
* Form der Blutdruckerhöhung<ref>Holzgreve. [https://link.springer.com/article/10.1007/s15027-019-1602-5 Auch der diastolische Blutdruck ist ein behandlungsbedürftiger Risikofaktor], CardioVasc volume, 2019</ref>
 
** Isolierte systolische Hypertonie
 
** Isolierte systolische Hypertonie
 
** Isolierte diastolische Hypertonie
 
** Isolierte diastolische Hypertonie
 
** Kombinierte systolisch-diastolische Hypertonie
 
** Kombinierte systolisch-diastolische Hypertonie
* Zeitlicher Verlauf der Hypertonie
+
* Zeitlicher Verlauf der Hypertonie<ref>[https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/hypertonie-essenzielle Hypertonie, essenzielle – Dorsch - Lexikon der Psychologie], abgerufen am 12.11.2021</ref>
** Labile Hypertonie ([[Belastungshypertonie]])
+
** Labile Hypertonie
** Stabile Hypertonie (Dauerhypertonie)
+
** Stabile Hypertonie
  
 
==Pathogenese==
 
==Pathogenese==
 
Die Pathogenese der primären Hypertonie ist so komplex, dass sie bislang nicht vollständig geklärt werden konnte. Ein Grund dafür ist, dass der Blutdruck von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Dazu zählen unter anderem das zirkulierende [[Blutvolumen]], die [[Blutviskosität]], das [[Herzzeitvolumen]], die Gefäßelastizität, der Gefäßquerschnitt und die hormonelle ([[Renin]]) und neuronale Stimulation des Gefäßtonus.
 
Die Pathogenese der primären Hypertonie ist so komplex, dass sie bislang nicht vollständig geklärt werden konnte. Ein Grund dafür ist, dass der Blutdruck von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Dazu zählen unter anderem das zirkulierende [[Blutvolumen]], die [[Blutviskosität]], das [[Herzzeitvolumen]], die Gefäßelastizität, der Gefäßquerschnitt und die hormonelle ([[Renin]]) und neuronale Stimulation des Gefäßtonus.
 +
 +
Pathogenetisch lassen sich folgende Formen differenzieren:
 +
 +
===Herzzeitvolumenhochdruck===
 +
Hier wird das [[Herzzeitvolumen]] durch nicht vom [[Herz]]en ausgehende Einflüsse erhöht. Prominent ist der Herzzeitvolumenhochdruck bei der [[Hyperthyreose]]. Hierbei regen die [[Schilddrüsenhormon]]e zur vermehrten Expression von beta-Rezeptoren an, wodurch der Angriff von [[Katecholamin]]en auf entsprechende Rezeptoren am Herzen (deutlich) vereinfacht wird.
 +
 +
===Widerstandshochdruck===
 +
Dabei wird der Blutdruck durch [[Vasokonstriktion]] erhöht. Dies ist unter anderem bei [[Niere]]nerkrankungen der Fall, wo das [[Renin-Angiotensin-Aldosteron-System]] verstärkt aktiviert wird.
 +
 +
===Elastizitätshochdruck===
 +
Bei dieser Form des Bluthochdruckes liegt eine Abnahme der Elastizität im arteriellen System vor - bei normalem peripherem Widerstand. Der [[Volumenelastizitätskoeffizient]] des arteriellen Gefäßsystems ist vergrößert, seine [[Windkesselfunktion]] nimmt ab. Dadurch sinkt die Fähigkeit des Gefäßsystems, das Blutvolumen zu speichern. Klinisch zeigt sich das durch eine vergrößerte Blutdruckamplitude: Der systolische Blutdruck steigt, während der diastolische eher niedrig bleibt. Ein Elastizitätshochdruck liegt z.B. bei einer [[Arteriosklerose]] der Aorta und der großen Arterien vor.
 +
 +
===Volumenhochdruck===
 +
Im Falle des Volumenhochdruckes steigt der Blutdruck in Folge einer Erhöhung des Blutvolumens innerhalb des Gefäßsystems. Das ist von den [[Ödem]]en abzugrenzen, bei denen sich Flüssigkeit extravasal ansammelt. Bei [[Nierenversagen]] kommt es z.B. in Folge der zunehmenden Unfähigkeit zum Flüssigkeitsabtransport (= Filterfunktion der Niere) zum Volumenhochdruck.
 +
 +
==Risikofaktoren==
 +
* [[Genetisch]]e Faktoren
 +
* zunehmendes Alter
 +
* [[Rauchen]]
 +
* [[Adipositas]]
 +
* [[Bewegungsmangel]]
 +
* [[Stress]]
 +
* [[Insulinresistenz]]
 +
* Hoher [[Kochsalz]]konsum
 +
* Hoher [[Alkoholkonsum]]
  
 
==Symptome==
 
==Symptome==
 
Eine Hypertonie verläuft meist [[asymptomatisch]] und verursacht bei mäßig erhöhten Blutdruckwerten oft nur uncharakteristische Beschwerden:
 
Eine Hypertonie verläuft meist [[asymptomatisch]] und verursacht bei mäßig erhöhten Blutdruckwerten oft nur uncharakteristische Beschwerden:
* [[Kopfschmerz]]en (besonders morgens im Bett)
+
* [[Kopfschmerz]]en (besonders morgens im Bett im Bereich des Hinterkopfes)
 
* [[Schwindel]]
 
* [[Schwindel]]
 
* [[Epistaxis]]
 
* [[Epistaxis]]
* Abgeschlagenheit
+
* [[Abgeschlagenheit]]
Bei stark erhöhten Blutdruck können hinzutreten:
+
* [[Schlafstörungen]]
 +
Bei stark erhöhtem Blutdruck können hinzukommen:
 
* [[Belastungsdyspnoe]]
 
* [[Belastungsdyspnoe]]
 
* [[Angina pectoris]]
 
* [[Angina pectoris]]
 
* [[Palpitation]]en
 
* [[Palpitation]]en
* [[Übelkeit]]
+
* [[Tinnitus]]
 +
* [[Nausea]]
 
* [[Sehstörungen]]
 
* [[Sehstörungen]]
Wird die Hypertonie nicht durch ein Kontrolle des Blutdrucks entdeckt, macht sie sich häufig erst durch ihre Spätschäden bemerkbar.
+
* [[Nervosität]]
 +
* [[Angst]]
 +
* [[Diaphorese]]
 +
 
 +
Eine arterielle Hypertonie kann auch erst durch auftretende Komplikationen auffällig werden.<ref name="zwei"/>
 +
 
 +
==Komplikationen==
 +
Wird die Hypertonie nicht frühzeitig entdeckt, macht sie sich häufig erst durch ihre Spätschäden bemerkbar (''silent death'').  
 +
 
 +
Mögliche Komplikationen einer arteriellen Hypertonie sind:<ref name="zwei"/>
 +
* [[Hypertensive Krise]]
 +
* [[Hypertensiver Notfall]]
 +
* Gefäßveränderungen
 +
**[[Atherosklerose]]
 +
**[[Fundus hypertonicus]]
 +
**[[Arteriosklerotische Plaque]]s
 +
** Verdickung der Wand der [[Arteria carotis interna]]
 +
* [[Aortendissektion]]
 +
*[[Bauchaortenaneurysma]]
 +
*[[Maligne Hypertonie]]
 +
*[[Gehirn]]
 +
**[[Zerebral]]e [[Ischämie]] und [[Hirninfarkt]]
 +
**Hypertonische [[Massenblutung]]
 +
*[[Herz]]
 +
** [[Koronare Herzkrankheit]]
 +
**[[Linksherzhypertrophie]]
 +
**Hypertensive [[Kardiomyopathie]]
 +
**Koronare [[Mikroangiopathie]]
 +
** [[Endotheliale Dysfunktion]]
 +
* [[Nephrosklerose|Hypertensive Nephropathie]]
  
 
==Diagnostik==
 
==Diagnostik==
Die Diagnose "Hypertonie" ergibt sich in erster Linie durch die wiederholte [[Blutdruckmessung]] an beiden Armen. Des Weiteren umfasst das Basisprogramm der Hypertonie-Diagnostik:
+
===Basisdiagnostik===
* [[Anamnese]] (Allgemeinsymptome, Medikamente, [[Nikotin]], [[Kaffee]], [[Alkohol]], Drogen)
+
Die Diagnose "Hypertonie" ergibt sich in erster Linie durch eine wiederholte [[Blutdruckmessung]]. Als Grenzwerte werden dabei, entsprechend der deutschen Gesellschaft für Kardiologie, für den systolischen [[Blutdruck]] ein Wert über 140 mmHg und für den diastolischen ein Wert von 90 mmHg angegeben.
* [[Familienanamnese]] (Herzinfarkt, Schlaganfall)
+
 
* [[Auskultation]] (Herz, [[Arteria carotis]] bds., [[Abdomen]])
+
Allerdings berechtigt eine einmalige Messung oberhalb dieser Normwerte noch nicht zur Stellung der Diagnose einer [[Hypertonie]].
* [[Ophthalmoskopie]] (Augenhintergrund)
+
Es wird empfohlen bei mehreren Praxisbesuchen des Patienten eine wiederholte Messung des Blutdrucks durchzuführen. Bei jeder Vorstellung sollte der Blutdruck dreimal, in einem Abstand von ein bis zwei Minuten, gemessen werden. Weitere Möglichkeiten sind eine Langzeit-Blutdruckmessung oder eine häusliche Messung durch den Patienten.<ref name="eins">[https://leitlinien.dgk.org/files/28_2018_pocket_leitlinien_arterielle_hypertonie.pdf ESC/ESH Pocket Guidelines Management der arteriellen Hypertonie], abgerufen am 11.11.2021</ref>
* Labor
+
** [[Harnstatus]]
+
Jede Messung des Blutdrucks sollte dabei in Ruhe erfolgen, d.h. der Patient sollte vor der Messung  ca. fünf Minuten sitzen. Zu beachten ist außerdem, dass die beiden [[Arm]]e auf [[Herz]]höhe gelagert sind. Bei der ersten Untersuchung sollte der Blutdruck an beiden Armen gemessen werden.<ref name="eins"/>
** [[Serumelektrolyt]]e
+
 
** [[Kreatinin-Clearance]]
+
<dcMediaViewer parser-version=1 showtitle="no" align="left" size="m" items="img_17193" /><dcEmbed><dcEmbedUrlPhoto src="https://www.doccheck.com/en/detail/photos/11063-blood-pressure-measurement" showtitle="no" align="left" size="m" /></dcEmbed>
** [[TSH]]
+
 
** Screening auf [[kardiovaskuläre Risikofaktoren]] (z.B. [[Cholesterin]], [[Blutzucker]])
+
Des Weiteren umfasst das Basisprogramm der Hypertonie-Diagnostik:<ref name="eins"/><ref name="zwei"/>
* [[EKG]]
+
* [[Anamnese]]:
* [[Echokardiografie]]
+
** Bekannte Blutdruckwerte erfragen
 +
** Hypertoniebedingte Beschwerden (s.o)
 +
** [[Raucher]]anamnese, Alkoholkonsum, [[Kaffee]]konsum, [[Drogen]]
 +
** Medikamente
 +
** Begleiterkrankungen, frühere Erkrankungen
 +
** [[Familienanamnese]]:
 +
***Hypertonie, kardiovaskuläre Erkrankungen, [[Schlaganfall]], Nierenerkrankungen
 +
* Körperliche Untersuchung und Diagnostik:
 +
** Gewicht, Größe, Taillenumfang messen
 +
** Zeichen hypertoniebedingter Organschäden erfassen:
 +
*** [[Auskultation]] und Palpation Herz und [[Arteria carotis]] bds.
 +
***[[Ophthalmoskopie]] (Augenhintergrund)
 +
*** [[neurologische Untersuchung]]
 +
*** Palpation [[peripher]]e [[Arterie]]n
 +
** [[Labor]]:
 +
*** [[Harnstatus]] mit [[Serumelektrolyt]]e
 +
*** Test auf [[Mikroalbuminurie]]
 +
*** [[Kreatinin-Clearance]]
 +
*** [[Screening]] auf [[kardiovaskuläre Risikofaktoren]] (z.B. [[Cholesterin]], [[Blutzucker]])
 +
** [[EKG]]
 +
** [[Langzeitblutdruckmessung]]
 +
** [[Echokardiografie]]
 +
 
 +
===Erweiterte Diagnostik===
 +
Bei Verdacht auf das Vorliegen einer sekundären Hypertonie sollte eine ausführliche [[Umfelddiagnostik]] erfolgen. Die folgenden Tabelle dient der Übersicht:
 +
 
 +
{| class="borderedTable"
 +
! '''Verdachtsdiagnose''' || '''Diagnostik'''
 +
|-
 +
| valign="top" | Obstruktives Schlafapnoesyndrom ||
 +
* Anamnese: ausgedehnte Tagesmüdigkeit, Kopfschmerzen
 +
* [[Polysomnographie]]
 +
|-
 +
| valign="top" | Renale Hypertonie ||
 +
* Anamnese: Störungen der [[Diurese]], Schmerzen, [[Ödem]]e
 +
* Körperliche Untersuchung: [[Nierenklopfschmerz]]
 +
* [[Urindiagnostik]] ([[Urinteststreifen]], [[Urinstatus]], [[Urinsediment]])
 +
* [[Sonographie]] Nieren/[[Abdomen-Sonographie|Abdomen]]
 +
* Labor: Zeichen des Hyperaldosteronismus (Minderperfusion der Nieren)
 +
* Nierenarterienstenose: [[Duplex-Sonographie]], MR-[[Angiografie]] oder [[digitale Subtraktionsangiographie]] (DSA)
 +
 
 +
|-
 +
| valign="top" | Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom) ||
 +
* Bestimmung des [[Aldosteron-Renin-Quotient]]en
 +
* [[Aldosteron]]konzentration im Blut und/oder Urin
 +
* [[Orthostasetest]]
 +
* [[Apparative Untersuchung|Apparative Diagnostik]] (MRT/CT Abdomen)
 +
|-
 +
| valign="top" | [[Hyperkortisolismus]] (Cushing-Syndrom) ||
 +
* [[Cortisol|Serumcortisolspiegel]] (Mitternacht)
 +
* Freies Corisol im [[24-h-Sammelurin]]
 +
* [[Dexamethason-Kurztest]]
 +
* Plasma-[[ACTH]]
 +
* [[CRH-Test]]
 +
* [[Dexamethason-Langtest]]
 +
* Apparative Diagnostik (MRT Abdomen und Kopf)
 +
|-
 +
| valign="top" | Hyperthyreose ||
 +
* [[TSH]]-Bestimmung
 +
* Bestimmung der [[Schilddrüsenhormone]]
 +
* [[Schilddrüsenantikörper]]diagnostik
 +
* Apparative Diagnostik (Sonographie, [[Szintigraphie]])
 +
|-
 +
| valign="top" | Phäochromozytom ||
 +
* Bestimmung von [[Metanephrin|Meta]]- und [[Metanephrin|Normetanephrin]] im Plasma (Patient muss vorher mindestens 30 Minuten ruhen)
 +
* Bestimmung von Meta- und Normetanephrin im angesäuerten 24-h-Sammelurin
 +
* Bestimmung von [[Vanillinmandelsäure]] im Urin
 +
* [[Clonidin-Suppressionstest]]
 +
* Apparative Diagnostik ([[MIBG-Szintigraphie]], [[Dopa-PET/CT]], [[Somatostatin-Rezeptor-Szintigraphie]])
 +
|-
 +
| valign="top" | Primärer Hyperparathyreoidismus ||
 +
* Bestimmung von [[Parathormon]] (PTH), [[Serumkalzium]] und [[alkalische Phosphatase|alkalischer Phosphatase]]
 +
* Apparative Diagnostik (Sonographie Hals, Szintigraphie Hals, Röntgen zur Detektion von Knochenveränderungen)
 +
|-
 +
| valign="top" | Akromegalie ||
 +
* Anamnese und körperliche Untersuchung: typisches klinisches Bild
 +
* Bestimmung von [[Somatotropin|Serum-STH]] (Wachstumshormon, [[pulsatil]]e Sekretion) und [[IGF-1]] (keine pulsatile Sekretion, Vermittlung der peripheren Wirkung von STH)
 +
* [[STH-Suppressionstest]]
 +
|-
 +
| valign="top" | Aortenisthmusstenose ||
 +
* Anamnese und körperliche Untersuchung: Blutdruckdifferenz zwischen den Extremitäten mit typischer Klinik
 +
* Apparative Diagnostik ([[Röntgen-Thorax]], [[Echokardiographie]])
 +
|-
 +
|}
 +
 
 +
==Therapie==
 +
Für die Therapie der arteriellen Hypertonie werden nicht-[[medikamentös]]e und medikamentöse Therapiemaßnahmen eingesetzt.
 +
 
 +
===Therapeutisches Vorgehen===
 +
Bei Patienten mit einer Hypertonie Grad 2 oder 3 sollte neben einer Lebensstil-Beratung eine sofortige medikamentöse Therapie eingeleitet werden.
 +
 
 +
Liegt ein hochnormaler Blutdruck oder eine Hypertonie Grad 1 vor, sollte ebenfalls eine Lebensstil-Beratung erfolgen. Das weitere Vorgehen und die Einleitung einer medikamentösen Therapie sind von dem jeweiligen Risikoprofil des Patienten bzw. dem Vorliegen von bestimmten Begleiterkrankungen abhängig.<ref name="eins"/>
 +
 
 +
===Nicht-medikamentöse Therapie===
 +
Die nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Blutdrucksenkung werden in der aktuellen Leitlinie auch als "Lebenstiländerungen" bezeichnet. Diese wirken sowohl [[präventiv]] als auch therapeutisch. Sie sind bei allen Patienten mit einem hochnormalen Blutdruck oder einer Hypertonie indiziert und umfassen:<ref name="eins"/>
 +
* [[Gewichtsreduktion]]
 +
* regelmäßige körperliche Bewegung bzw. moderates [[Ausdauertraining]]
 +
* Beschränkung des [[Alkoholkonsum]]s auf weniger als 14 Einheiten pro Woche für [[Mann|Männer]] und weniger als 8 Einheiten pro Woche für [[Frau]]en (eine Einheit entspricht 125 [[Milliliter|ml]] [[Wein]] oder 250 ml Bier)
 +
* Rauschtrinken vermeiden
 +
* [[Kochsalzrestriktion]] auf <5 [[Gramm|g]]/Tag
 +
* erhöhte Aufnahme von Obst und Gemüse, Nüssen, Fisch, [[ungesättigt]]en [[Fettsäure]]n, Milchprodukten mit niedrigem Fettgehalt
 +
* geringer [[Konsum]] von rotem Fleisch
 +
* [[Nikotin]]verzicht
 +
 
 +
Lebensstiländerungen können bei einer Hypertonie vom Grad 1 eine medikamentöse Therapie verzögern und ggf. sogar verhindern. Ein Problem ist allerdings die geringe [[Adhärenz]] der Patienten über längere Zeiträume.
 +
 
 +
===Medikamentöse Therapie===
 +
Für die medikamentöse Blutdrucksenkung werden [[Antihypertensivum|Antihypertensiva]] eingesetzt. Zur Anwendung kommen [[ACE-Hemmer]] und [[Angiotensin-Rezeptorantagonist]]en, [[Diuretika]], [[Calciumantagonist]]en oder [[Betablocker]]. Vorliegende [[Kontraindikation]]en für den Einsatz der Medikamente und eventuell bestehende Begleiterkrankungen sollten vor Therapiebeginn berücksichtigt werden.
 +
 
 +
Die medikamentöse Basistherapie besteht meist aus einer Kombinationstherapie:<ref name="eins"/> Die bevorzugte Inititaltherapie ist eine Zweifachkombination bestehend aus:
 +
* ACE-Hemmer ''oder'' Angiotensin-Rezeptor-Blocker ("Sartan") ''und''
 +
* Calciumantagonist ''oder'' Diuretikum
 +
Man beginnt zunächst mit einer niedrigen Dosis und erhöht diese schrittweise, bis der angestrebte Zielblutdruck erreicht wird. Ist dies unter der gewählten Zweifachkombination im Rahmen der zulässigen Höchstmengen nicht möglich, wechselt man auf eine andere Zweifachkombination oder steigt auf eine Dreifachkombination um.
 +
 
 +
Auf der zweiten Stufe der Therapie wird eine Dreifachkombination mit den folgenden Medikamenten eingesetzt:
 +
* ACE-Hemmer ''oder'' Angiotensin-Rezeptor-Blocker ''und''
 +
* Calciumantagonist ''und''
 +
* Diuretikum
 +
Auf der dritten Stufe der Therapie (resistente Hypertonie) kommen Dreifachkombination und [[Spironolacton]] oder eine anderes Medikament zum Einsatz.
 +
 
 +
Die volle Wirkung einer antihypertensiven Therapie ist in der Regel erst nach 7 -14 Tagen zu erwarten, bei Betablockern und [[Thiazid]]diuretika muss man sogar mit 2 bis 4 Wochen rechnen.
 +
 
 +
Falls eine spezifische [[Indikation]] für die Behandlung mit einem Betablocker vorliegt (z.B. [[Angina pectoris]], [[Herzinsuffizienz]], Kontrolle der [[Herzfrequenz]] oder Zustand nach [[Myokardinfarkt]]) ist der Einsatz eines Betablocker, beispielsweise in Kombination mit einem Diuretikum eine mögliche Alternative.<ref name="eins"/>
 +
 
 +
Eine Monotherapie sollte bei sehr alten bzw. gebrechlichen Patienten erwogen werden und falls eine Niedrigrisiko-Hypertonie Grad 1 besteht.<ref name="eins"/>
 +
 
 +
===Experimentelle Therapie===
 +
Ein [[interventionell]]es Verfahren für die therapieresistente arterielle Hypertonie ist die [[Renale Sympathikusdenervation|renale Sympathikusdenervation]]. Es ist erwiesen, dass der Blutdruck durch die [[Intervention]] gesenkt werden kann. Derzeit (2021) gibt es noch keine Leitlinien-Empfehlung für den Einsatz einer renalen Sympathikusdenervation.<ref>Weber. [https://www.kup.at/kup/pdf/14909.pdf Renale Sympathikusdenervierung –Neue Aspekte 2021], Journal für Kardiologie, 2021</ref>
 +
 
 +
==Therapieziele==
 +
Erstes Ziel der Behandlung ist den Blutdruck auf Werte unter < 140/90 mmHg zu senken. Falls der Patient die Behandlung gut verträgt, sollten Werte von 130/80 mmHg bzw. bei Patienten <65 Jahre systolische Blutdruckwerte von 120 bis 129 mmHg angestrebt werden. Bei Patienten >65 Jahre liegt der Zielblutdruck bei 130 bis 139 mmHg.<ref name="eins"/>
 +
 
 +
''siehe auch'': [[Antihypertensive Therapie]]
 +
 
 +
==Quellen==
 +
<references />
 +
 
 +
==Literatur==
 +
* Laborlexikon.de; abgerufen am 22.03.2021
 +
* Hypertonie-Leitlinie des Eighth Joint National Committee (JNC 8): James PA et al.: [https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1791497 Evidence-Based Guideline for the Management of High Blood Pressure in Adults. Report from the Panel Members Appointed to the Eighth Joint National Committee (JNC 8).] JAMA. 2013 Dec 18. DOI: 10.1001/jama.2013.284427
 +
* Hypertonie-Leitlinie der American und der International Societies of Hypertension: Weber MA et al.: [https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/jch.12237 Clinical Practice Guidelines for the Management of Hypertension in the Community. A Statement by the American Society of Hypertension and the International Society of Hypertension.] J Clin Hypertens. 2014;16:14-26. DOI: 10.1111/jch.12237
 +
* Europäische Hypertonie-Leitlinie der ESC/ESH: Mancia G et al.: [https://academic.oup.com/eurheartj/article/34/28/2159/451304 2013 ESH/ESC Guidelines for the management of arterial hypertension.] Eur Heart J 2013 DOI: 10.1093/eurheartj/eht151
 +
* Hypertonie-Leitlinie des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE): [http://www.ehy.ee/docs/pics/NICE%20hypertension%202011.pdf Hypertension: clinical management of primary hypertension in adults.] Clinical guidelines, CG127 - Issued: August 2011
  
==Links==
+
==Weblinks ==
* [http://www.eshonline.org European Society of Hypertension ]
+
* [http://www.eshonline.org European Society of Hypertension]
 
* [http://www.hochdruckliga.info Deutsche Hochdruckliga]
 
* [http://www.hochdruckliga.info Deutsche Hochdruckliga]
 
[[Fachgebiet:Allgemeinmedizin]]
 
[[Fachgebiet:Allgemeinmedizin]]

Aktuelle Version vom 17. November 2021, 18:42 Uhr

Synonym: Bluthochdruck
Abkürzung: aHT
Englisch: hypertension, arterial hypertension

1 Definition

Eine arterielle Hypertonie ist eine kardiovaskuläre Erkrankung, die durch systolische Blutdruckwerte ≥ 140 mmHg und/oder diastolische Blutdruckwert von ≥ 90 mmHg definiert ist.

2 Hintergrund

Die arterielle Hypertonie ist sowohl eine eigenständige Krankheitsentität, als auch ein bedeutender Risikofaktor für weitere Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und anderer Organe. Das Teilgebiet der Medizin, das sich speziell mit der arteriellen Hypertonie auseinandersetzt, ist die Hypertensiologie.

3 Epidemiologie

Die arterielle Hypertonie ist die häufigste internistische Erkrankung.[1] Die Prävalenz in Europa beträgt bei Erwachsenen ungefähr 30 %.[1] 2018 wurde bei 19 Millionen gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland eine arterielle Hypertonie festgestellt. Dabei ergaben sich innerhalb von Deutschland regionale Unterschiede, insbesondere im Osten Deutschlands zeigten sich höhere Prävalenzen.[2]

Zudem ist ein Anstieg der Häufigkeit mit zunehmendem Alter zu beobachten.[3]

4 Einteilung

Die arterielle Hypertonie lässt sich nach sehr vielen verschiedenen Aspekten einteilen, die teils eher pathophysiologisch, teils eher klinisch geprägt sind.

4.1 Einteilung nach Ursache

Primäre Hypertonie: Hypertonie, die ohne erkennbare sekundäre Ursachen entsteht. Sie wird auch als essentielle oder idiopathische Hypertonie bezeichnet. Die primäre Hypertonie macht den überwiegenden Anteil der Hypertonie-Fälle bei Erwachsenen aus (ca. 90 %) und tritt meist erst nach dem 30. Lebensjahr auf.[1]

Sekundäre Hypertonie: Darunter versteht man eine Hypertonie, die als Folge einer anderen Grunderkrankung auftritt, bzw. von nachweisbaren Faktoren ausgelöst wird. Hinweise für das Vorliegen einer sekundären Hypertonie können beispielsweise ein junges Erkrankungsalter, das Nichtansprechen auf die antihypertensive Therapie oder eine fehlende (physiologische) Nachtabsenkung in der Langzeitblutdruckmessung ("Non-Dipper") sein.

Nur etwa 10 % der Erwachsenen leiden an einer sekundären Hypertonie, bei Kindern macht sie jedoch den Hauptteil der arteriellen Hypertonien aus.

Mögliche Ursachen sind:[1]

Nicht zur chronischen arteriellen Hypertonie werden vorübergehende Blutdruckerhöhungen gezählt, die u.a. durch folgende Ursachen ausgelöst werden:

4.2 Einteilung anhand der Blutdruckwerte

In der aktuellen Pocket-Leitlinie (Version 2019) der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie wird die arterielle Hypertonie wie folgt klassifiziert:

Kategorie systolisch (mmHg) diastolisch (mmHg)
Optimaler Blutdruck < 120 < 80
Normaler Blutdruck 120–129 80–84
Hoch-normaler Blutdruck 130–139 85–89
Milde Hypertonie (Grad 1) 140–159 90–99
Mittlere Hypertonie (Grad 2) 160–179 100–109
Schwere Hypertonie (Grad 3) ≥ 180 ≥ 110
Isolierte systolische Hypertonie > 140 < 90
  • Die isolierte systolische Hypertonie sollte in Abhängigkeit von der Höhe des systolischen Blutdrucks in drei Grade eingeteilt werden:
    • Grad 1: 140-159
    • Grad 2: 160-179
    • Grad 3: ≥180 mmHg
  • Bei isolierter systolischer Hypertonie ergibt sich bei auffällig niedrigem diastolischen Blutdruck (z.B. 60-70 mmHg) ein besonderes Risiko.

4.3 Weitere Einteilungen

  • Form der Blutdruckerhöhung[4]
    • Isolierte systolische Hypertonie
    • Isolierte diastolische Hypertonie
    • Kombinierte systolisch-diastolische Hypertonie
  • Zeitlicher Verlauf der Hypertonie[5]
    • Labile Hypertonie
    • Stabile Hypertonie

5 Pathogenese

Die Pathogenese der primären Hypertonie ist so komplex, dass sie bislang nicht vollständig geklärt werden konnte. Ein Grund dafür ist, dass der Blutdruck von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Dazu zählen unter anderem das zirkulierende Blutvolumen, die Blutviskosität, das Herzzeitvolumen, die Gefäßelastizität, der Gefäßquerschnitt und die hormonelle (Renin) und neuronale Stimulation des Gefäßtonus.

Pathogenetisch lassen sich folgende Formen differenzieren:

5.1 Herzzeitvolumenhochdruck

Hier wird das Herzzeitvolumen durch nicht vom Herzen ausgehende Einflüsse erhöht. Prominent ist der Herzzeitvolumenhochdruck bei der Hyperthyreose. Hierbei regen die Schilddrüsenhormone zur vermehrten Expression von beta-Rezeptoren an, wodurch der Angriff von Katecholaminen auf entsprechende Rezeptoren am Herzen (deutlich) vereinfacht wird.

5.2 Widerstandshochdruck

Dabei wird der Blutdruck durch Vasokonstriktion erhöht. Dies ist unter anderem bei Nierenerkrankungen der Fall, wo das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System verstärkt aktiviert wird.

5.3 Elastizitätshochdruck

Bei dieser Form des Bluthochdruckes liegt eine Abnahme der Elastizität im arteriellen System vor - bei normalem peripherem Widerstand. Der Volumenelastizitätskoeffizient des arteriellen Gefäßsystems ist vergrößert, seine Windkesselfunktion nimmt ab. Dadurch sinkt die Fähigkeit des Gefäßsystems, das Blutvolumen zu speichern. Klinisch zeigt sich das durch eine vergrößerte Blutdruckamplitude: Der systolische Blutdruck steigt, während der diastolische eher niedrig bleibt. Ein Elastizitätshochdruck liegt z.B. bei einer Arteriosklerose der Aorta und der großen Arterien vor.

5.4 Volumenhochdruck

Im Falle des Volumenhochdruckes steigt der Blutdruck in Folge einer Erhöhung des Blutvolumens innerhalb des Gefäßsystems. Das ist von den Ödemen abzugrenzen, bei denen sich Flüssigkeit extravasal ansammelt. Bei Nierenversagen kommt es z.B. in Folge der zunehmenden Unfähigkeit zum Flüssigkeitsabtransport (= Filterfunktion der Niere) zum Volumenhochdruck.

6 Risikofaktoren

7 Symptome

Eine Hypertonie verläuft meist asymptomatisch und verursacht bei mäßig erhöhten Blutdruckwerten oft nur uncharakteristische Beschwerden:

Bei stark erhöhtem Blutdruck können hinzukommen:

Eine arterielle Hypertonie kann auch erst durch auftretende Komplikationen auffällig werden.[1]

8 Komplikationen

Wird die Hypertonie nicht frühzeitig entdeckt, macht sie sich häufig erst durch ihre Spätschäden bemerkbar (silent death).

Mögliche Komplikationen einer arteriellen Hypertonie sind:[1]

9 Diagnostik

9.1 Basisdiagnostik

Die Diagnose "Hypertonie" ergibt sich in erster Linie durch eine wiederholte Blutdruckmessung. Als Grenzwerte werden dabei, entsprechend der deutschen Gesellschaft für Kardiologie, für den systolischen Blutdruck ein Wert über 140 mmHg und für den diastolischen ein Wert von 90 mmHg angegeben.

Allerdings berechtigt eine einmalige Messung oberhalb dieser Normwerte noch nicht zur Stellung der Diagnose einer Hypertonie. Es wird empfohlen bei mehreren Praxisbesuchen des Patienten eine wiederholte Messung des Blutdrucks durchzuführen. Bei jeder Vorstellung sollte der Blutdruck dreimal, in einem Abstand von ein bis zwei Minuten, gemessen werden. Weitere Möglichkeiten sind eine Langzeit-Blutdruckmessung oder eine häusliche Messung durch den Patienten.[6]

Jede Messung des Blutdrucks sollte dabei in Ruhe erfolgen, d.h. der Patient sollte vor der Messung ca. fünf Minuten sitzen. Zu beachten ist außerdem, dass die beiden Arme auf Herzhöhe gelagert sind. Bei der ersten Untersuchung sollte der Blutdruck an beiden Armen gemessen werden.[6]

Blutdruckmessung

Des Weiteren umfasst das Basisprogramm der Hypertonie-Diagnostik:[6][1]

9.2 Erweiterte Diagnostik

Bei Verdacht auf das Vorliegen einer sekundären Hypertonie sollte eine ausführliche Umfelddiagnostik erfolgen. Die folgenden Tabelle dient der Übersicht:

Verdachtsdiagnose Diagnostik
Obstruktives Schlafapnoesyndrom
Renale Hypertonie
Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom)
Hyperkortisolismus (Cushing-Syndrom)
Hyperthyreose
Phäochromozytom
Primärer Hyperparathyreoidismus
Akromegalie
  • Anamnese und körperliche Untersuchung: typisches klinisches Bild
  • Bestimmung von Serum-STH (Wachstumshormon, pulsatile Sekretion) und IGF-1 (keine pulsatile Sekretion, Vermittlung der peripheren Wirkung von STH)
  • STH-Suppressionstest
Aortenisthmusstenose
  • Anamnese und körperliche Untersuchung: Blutdruckdifferenz zwischen den Extremitäten mit typischer Klinik
  • Apparative Diagnostik (Röntgen-Thorax, Echokardiographie)

10 Therapie

Für die Therapie der arteriellen Hypertonie werden nicht-medikamentöse und medikamentöse Therapiemaßnahmen eingesetzt.

10.1 Therapeutisches Vorgehen

Bei Patienten mit einer Hypertonie Grad 2 oder 3 sollte neben einer Lebensstil-Beratung eine sofortige medikamentöse Therapie eingeleitet werden.

Liegt ein hochnormaler Blutdruck oder eine Hypertonie Grad 1 vor, sollte ebenfalls eine Lebensstil-Beratung erfolgen. Das weitere Vorgehen und die Einleitung einer medikamentösen Therapie sind von dem jeweiligen Risikoprofil des Patienten bzw. dem Vorliegen von bestimmten Begleiterkrankungen abhängig.[6]

10.2 Nicht-medikamentöse Therapie

Die nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Blutdrucksenkung werden in der aktuellen Leitlinie auch als "Lebenstiländerungen" bezeichnet. Diese wirken sowohl präventiv als auch therapeutisch. Sie sind bei allen Patienten mit einem hochnormalen Blutdruck oder einer Hypertonie indiziert und umfassen:[6]

Lebensstiländerungen können bei einer Hypertonie vom Grad 1 eine medikamentöse Therapie verzögern und ggf. sogar verhindern. Ein Problem ist allerdings die geringe Adhärenz der Patienten über längere Zeiträume.

10.3 Medikamentöse Therapie

Für die medikamentöse Blutdrucksenkung werden Antihypertensiva eingesetzt. Zur Anwendung kommen ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorantagonisten, Diuretika, Calciumantagonisten oder Betablocker. Vorliegende Kontraindikationen für den Einsatz der Medikamente und eventuell bestehende Begleiterkrankungen sollten vor Therapiebeginn berücksichtigt werden.

Die medikamentöse Basistherapie besteht meist aus einer Kombinationstherapie:[6] Die bevorzugte Inititaltherapie ist eine Zweifachkombination bestehend aus:

  • ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker ("Sartan") und
  • Calciumantagonist oder Diuretikum

Man beginnt zunächst mit einer niedrigen Dosis und erhöht diese schrittweise, bis der angestrebte Zielblutdruck erreicht wird. Ist dies unter der gewählten Zweifachkombination im Rahmen der zulässigen Höchstmengen nicht möglich, wechselt man auf eine andere Zweifachkombination oder steigt auf eine Dreifachkombination um.

Auf der zweiten Stufe der Therapie wird eine Dreifachkombination mit den folgenden Medikamenten eingesetzt:

  • ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker und
  • Calciumantagonist und
  • Diuretikum

Auf der dritten Stufe der Therapie (resistente Hypertonie) kommen Dreifachkombination und Spironolacton oder eine anderes Medikament zum Einsatz.

Die volle Wirkung einer antihypertensiven Therapie ist in der Regel erst nach 7 -14 Tagen zu erwarten, bei Betablockern und Thiaziddiuretika muss man sogar mit 2 bis 4 Wochen rechnen.

Falls eine spezifische Indikation für die Behandlung mit einem Betablocker vorliegt (z.B. Angina pectoris, Herzinsuffizienz, Kontrolle der Herzfrequenz oder Zustand nach Myokardinfarkt) ist der Einsatz eines Betablocker, beispielsweise in Kombination mit einem Diuretikum eine mögliche Alternative.[6]

Eine Monotherapie sollte bei sehr alten bzw. gebrechlichen Patienten erwogen werden und falls eine Niedrigrisiko-Hypertonie Grad 1 besteht.[6]

10.4 Experimentelle Therapie

Ein interventionelles Verfahren für die therapieresistente arterielle Hypertonie ist die renale Sympathikusdenervation. Es ist erwiesen, dass der Blutdruck durch die Intervention gesenkt werden kann. Derzeit (2021) gibt es noch keine Leitlinien-Empfehlung für den Einsatz einer renalen Sympathikusdenervation.[7]

11 Therapieziele

Erstes Ziel der Behandlung ist den Blutdruck auf Werte unter < 140/90 mmHg zu senken. Falls der Patient die Behandlung gut verträgt, sollten Werte von 130/80 mmHg bzw. bei Patienten <65 Jahre systolische Blutdruckwerte von 120 bis 129 mmHg angestrebt werden. Bei Patienten >65 Jahre liegt der Zielblutdruck bei 130 bis 139 mmHg.[6]

siehe auch: Antihypertensive Therapie

12 Quellen

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Herold et al. Innere Medizin, 2019
  2. Holstiege et al. Diagnoseprävalenz der Hypertonie in der vertragsärztlichen Versorgung - aktuelle deutschlandweite Kennzahlen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Versorgungsatlas-Bericht Nr. 20/01, Berlin 2020.
  3. Pocket-Leitlinie 2013, abgerufen am 11.11.2021
  4. Holzgreve. Auch der diastolische Blutdruck ist ein behandlungsbedürftiger Risikofaktor, CardioVasc volume, 2019
  5. Hypertonie, essenzielle – Dorsch - Lexikon der Psychologie, abgerufen am 12.11.2021
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 6,6 6,7 6,8 ESC/ESH Pocket Guidelines Management der arteriellen Hypertonie, abgerufen am 11.11.2021
  7. Weber. Renale Sympathikusdenervierung –Neue Aspekte 2021, Journal für Kardiologie, 2021

13 Literatur

14 Weblinks

Diese Seite wurde zuletzt am 17. November 2021 um 18:42 Uhr bearbeitet.

Um diesen Artikel zu kommentieren, melde Dich bitte an.

Klicke hier, um einen neuen Artikel im DocCheck Flexikon anzulegen.

Artikel wurde erstellt von:

Letzte Autoren des Artikels:

81 Wertungen (4.26 ø)

896.627 Aufrufe

Copyright ©2021 DocCheck Medical Services GmbH | zur mobilen Ansicht wechseln
Sprache:
DocCheck folgen: