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Theorie des systematischen Gleichgewichts

1 Definition

Die Theorie des systematischen Gleichgewichts wurde von der in Zürich geborenen Pflegetheoretikerin Marie-Luise Friedemann entwickelt und 1996 in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Kern der Theorie beinhaltet eine "Familien- und umweltbezogenene Pflege".

Die in der Theorie vorhandenen philosophischen Grundannahmen werden durch Ableitungen in verschiedenen Pflegesituationen transferiert wodurch diese Theorie mit ihren üblichen Pflegeparadigma, Umwelt - Mensch - Gesundheit, um die Konzepte Familie und Familiengesundheit erweitert wurden.

2 Geschichte

Marie-Luise Friedemann immigrierte nach Amerika und besuchte eine Krankenpflegeschule in San Francisco. Anschließend folgten ein Studium der Pflege und ein Masterabschluss für psychiatrische Pflege in Michigan. 1984 promovierte Marie-Luise Friedemann in den Fächern Pädagogik und Gemeindeplanung.

3 Begriffsklärung Familie

  • Juristisch wird die Familie durch Normen des Rechtssystems bestimmt, z. B. Sorgerechts-, Unterhalts- und Erziehungsverpflichtungen (Schneewind, 1999). So spricht man von Familie, wenn zwei Generationen aufgrund biologisch oder rechtlich (z. B. durch Adoption) begründeter Elternschaft miteinander verbunden sind (Hofer, 1992). Familie gilt juristisch als legalisierte soziale Institution, die unter dem Schutz des Staates steht und von ihm Vergünstigungen erhält (Ochs & Urban, 2002).
  • Mit dem biologisch-genealogischen Familienbegriff wird Familie über die Blutsverwandtschaft definiert, was Stiefväter/Stiefmütter, Adoptivkinder, homosexuelle Partner etc. ausschließt (Ochs & Urban, 2002).
  • Familie wird über Blutsverwandtschaft und den gemeinsamen Besitz spiritueller Kompetenzen definiert und zählt als älteste Religionsgemeinschaft, in der die Individualität des Einzelnen keine Rolle spielt (Ochs & Urban, 2002).
  • Für bevölkerungsstatistische Erhebungen der amtlichen Statistik werden unter Familie nur diejenigen Personen gefasst, die zusammen in einem Haushalt leben bzw. Kinder, die unter 18 Jahren alt sind. Jedoch wird dieses Konzept des Privathaushalts der wachsenden Zahl getrennt lebender, aber dennoch über die Haushaltsgrenzen hinweg eng verbundener Generationen nicht gerecht (Schneider et al., 2000).

4 Familienformen/Lebensformen

  • Klassische Kernfamilie
  • Regenbogenfamilie
  • Patchwork-Familie
  • Ein-Eltern-Familie
  • Kinderlose Paare/Kinderlose Ehepaare
  • Getrenntes Zusammenleben

5 Grundannahmen der Theorie

  1. Der Mensch muss als ganzheitliches Wesen betrachtet werden.
  2. Das Umfeld wird als prägender Einfluss des Patienten erkannt.
  3. Die Pflege wird erweitert und bezieht das soziale Umfeld mit ein.

6 Grundlagen der Theorie – die Systemtheorie

  • Jedes System hat eine komplexe Ordnung.
  • Alle Systeme bewegen sich im Zentrum und sind durch ein strukturiertes und dynamisches Muster in rhythmischen Bewegungen gekennzeichnet.
  • Die Gesellschaft ist ein System, dessen Teilsysteme miteinander in Interaktion stehen.
  • Jedes System hat seine eigene Hierarchie.
  • Jeder von uns ist in bestimmten (Teil-)Systemen verankert, wie z.B. in der Familie und im Freundeskreis.

Systematisches Gleichgewicht
Kongruenz Wohlfühlen / Harmonie
Systemänderung Ändern
Kohärenz Zusammenleben / Stimmigkeit
Individuation Wer bin ich? / Was will ich?
Systemerhaltung Beibehalten
Spiritualität Lebenssinn (Friedemann, 2003, S.233)

7 Die vier Prozessdimensionen des menschlichen Systems

  1. Systemerhaltung umfasst alle Handlungen, die auf Stabilität und Regulation ausgerichtet sind. Hier bezieht sich Friedemann auf die Selbstpflege, einer Theorie von Dorothea Orem.
  2. Systemänderung meint eine Wertänderung aufgrund neuer Erkenntnisse oder Rollen, die die Ziele der Regulation und des Wachstums anstreben.
  3. Kohärenz drückt den Zusammenhang der menschlichen Subsysteme aus und umfasst alle Handlungen, die den Zielen von Spiritualität und Stabilität dienen. Dadurch soll der Mensch Ganzheit, Selbstsicherheit und inneren Frieden erlangen. (z.B. Entspannung durch Aktivitäten, Akzeptanz eigener Schwächen)
  4. Individuation umfasst alle Aktivitäten, die das Verständnis erweitern und die Person selbst oder seine Mitmenschen fördert. Ein Individuum muss in der Lage sein , sich nach außen zu öffnen und durch Bindungen mit anderen Subsystemen ein wachsendes Potential zu erlangen.

8 Propositionen

8.1 Mensch

Die Realität des Menschen wird über die Wahrnehmung der Funktion seines Körpers bestimmt. Er definiert sich über seine Beziehung zu anderen Mitmenschen, lebenden Organismen und Gegenständen. Das größte Ziel ist das Streben nach Sinn und Angstfreiheit. Durch Angst wird Energie frei gesetzt, welche durch die Wahrnehmung des Individuums in Aktion umgesetzt wird. Daraus folgt für M-L. Friedemann, dass - wenn diese Energie nicht adäquat „fließen“ kann - Spannung erzeugt wird, welche beim Menschen Angst hervorruft. Umso mehr Verbindungen mit anderen Subsystemen hergestellt werden kann, desto geringer ist die Angst des einzelnen Individuums. Die vier Ziele des Menschen sind: Regulation, Kontrolle, Spiritualität und das Erstreben der Kongruenz.

8.2 Gesundheit

Die Gesundheit des Menschen steht durch eine vollkommende Kongruenz aller Systeme. Demzufolge wird Krankheit durch eine Störung im menschlichen Subsystem hervorgerufen. Diese Störungen werden jedoch auch durch positive Einflüsse wie Stimulierung oder die Neuanpassung an ein an das System hervorgerufen. Diese Anpassung löst Schmerz aus , gibt dem Menschen aber seinen Sinn. Einige Ängste entstanden über die Evolution hinweg und werden immer weitergegeben. Durch eine andauernde Inkongruenz entstehen körperliche und emotionale Krankheiten. Pflegende werden dazu angehalten die empfundene Gesundheit ins Bewusstsein zu rücken und neue Wege der Kongruenzfindung aufzuzeigen.

8.3 Familie

Die Interaktion und Aufgaben der Familie haben sich im Laufe der Evolution geändert. Früher galt die Kernfamilie als Ultima und regelte alles intern. Nun bedarf es die Einbeziehung anderer Systeme, was die Wichtigkeit keinesfalls mindert. Wer zu einer Familie gehört, entscheidet das Individuum selbst und sind meist Menschen zu denen es sich in besonderer Weise hingezogen fühlt. Die Familie bietet Sicherheit und Stabilität, was der Angstbekämpfung entgegen wirkt. Die vier Ziele des Familiensystems sind: Stabilität, Schutz vor Angst des Systemverfalls und Bewahrung der Werte und Muster.

8.4 Familiengesundheit

Familiengesundheit wird erreicht, wenn die Familie in jeder der vier Prozessdimensionen handelt und die Familie dadurch eine Kongruenz erreicht. Die Familienmitglieder beurteilen ihre Familie als positiv und jeder einzelne empfindet weniger Angst. Jede Familie hat ihren eigenen Stil, der sich von den anderen Familien unterscheidet und ist durch spezifische Familienprozesse gekennzeichnet. Maßgebend ist eine Kongruenz im Inneren und der Umwelt.

9 Quellen

  • Chinn, Peggy L.: Pflegetheorie: Konzepte – Kontext – Kritik, Berlin, Ullstein Mosby 1996
  • Friedemann, Marie-Luise: Familien- und umweltbezogene Pflege: die Theorie des systemischen Gleichgewichts, Bern, Huber, 1996
  • Willke, Helmut: Systemtheorie: Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme, 3. Auflage, Stuttgart, Fischer, 1991
  • http://www2.fiu.edu/~friedemm/biogerman.htm , Zugriff am 5.4.13

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