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Weißer Germer

Synonyme: Weiße Nieswurz, Läusekraut, Brechwurz etc.
Englisch: white veratrum, European white hellebore, false helleborine

1 Definition

Der Weiße Germer ist eine Pflanzenart aus der Familie der Germer- oder Schwarzblütengewächse (Melanthiaceae) und der Gattung Veratrum. Die botanische Bezeichnung lautet Veratrum album.

2 Merkmale

Es handelt sich um eine 0,5 bis 1,5 m große, krautige und ausdauernde Pflanze mit Rhizom. Es sind zumeist über 10 wechselständige Laubblätter vorhanden. Der Blütenstand ist verzweigt, die Blüten sind dreizählig. Der Blütenstand ist zwischen 30 und 60 cm lang. Die Blütezeit reicht von Juni bis August. Das Perigon der Blüten ist 7 bis 15 mm lang. Veratrum album subsp. album besitzt ein innerseits weißes, außen grünlich-gelbes Perigon während die Perigonblätter von Veratrum album subsp. lobelianum beiderseits grünlich sind. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten (Fliegen, Käfer). Der Weiße Germer ist ein Kältekeimer.

3 Systematik

Von Veratrum album sind zwei Unterarten bekannt:

  • Veratrum album subsp. album
  • Veratrum album subsp. lobelianum

4 Verwechslung

Besonders im nicht-blühendem Zustand kann Weißer Germer mit dem Großen Enzian (Gelber Enzian, Gentiana lutea) verwechselt werden. Die Arten können daran unterschieden werden, dass die Laubblätter des Germer wechselständig sind, während die Laubblätter des Enzians kreuzgegenständig sind. Auf die Verwechslung mit Gentiana lutea sind mehrere Vergiftungen zurückzuführen.

5 Vorkommen

Der Weiße Germer ist in Europa und Asien verbreitet. In Deutschland beschränkt sich das Verbeitungsgebiet auf den Süden Bayerns und Baden-Württembergs (Alpenvorland, Jura). Im Westen Baden-Württembergs (Schwarzwald) wurde die Art eingeführt. Besiedelte Habitate werden von alpinen und subalpinen, frischen, nassen Hochstaudenfluren, Weiden, Halbtrockenrasen, Nasswiesen sowie lichten Auen- und Bruchwäldern dargestellt. Es wird kalkhaltiger Boden bevorzugt. Die Pflanze hat Stellenwert als Giftpflanze für Weidevieh und gilt als Weideunkraut. Gelegentlich erfolgt die Kultur als Zierpflanze.

6 Arzneidroge

Als pharmazeutische Droge wird das Rhizom genutzt (Germerwurzel: Rhizoma Veratri albi, Radix Veratri albi). Es handelt sich um bis zu 8 cm lange und 3 cm dicke, ein- bis dreiköpfige sowie kugelige oder kegelförmige, geringelte Rhizomstücke von graubrauner bis schwarzer Farbe. Der Geschmack ist scharf und bitter. Rhizompulver von Veratrum album verursacht einen starken Niesreiz ("Nieswurz").

6.1 Anwendung

Historisch wurden Weißer Germer und Zubereitungen daraus (vor allem Tinkturen und Schnupf- bzw. Niespulver) vielfach angewandt. Volksmedizinisch sind als Indikationen Depressionen, Asthma, Rheuma und Fieber zu nennen. Ferner sind die Anwendung als Pfeil- und Mordgift, Rauschmittel (u.a. Rauchmischung mit Fliegenpilz) und der potentielle Einsatz in Hexensalben erwähnenswert. In jüngerer Zeit erfolgten noch Anwendungen als Insektizid (Parasitenbekäpfung) sowie bei Hypertonie (ebenfalls obsolet). Heute erfolgt die Anwendung hauptsächlich im Rahmen der Alternativmedizin (Homöopathie).

cave: von der Selbstmedikation mit nicht-homöopathischen Zubereitungen ist aufgrund der Toxizität der Pflanze und der Möglichkeit lebensgefährlicher Vergiftungen abzuraten.

7 Inhaltsstoffe

Als Wirkstoffe wurden steroide Alkaloide und strukturverwandte Substanzen identifiziert (Veratrumalkaloide). Der Alkaloidgehalt beträgt 1,2 bis 1,6% im Rhizom, 0,6 bis 1,3% in den feineren Wurzeln, 0,9 bis 1,5% an der Basis der Blattspreite und im Blatt (Blattspreite) 0,1 bis 0,3%. Dabei sind saisonale Unterschiede dokumentiert. Zudem gelten Pflanzen aus höher gelegenen Gebieten als alkaloidärmer gegenüber Pflanzen aus niedrigeren Gebieten. Neben Alkaloiden wurden Glykoside (z.B. Veratramarin) nachgewiesen.

Die Hauptwirkstoffe sind folgende Ester-Alkaloide:

8 Pharmakologie

Die Aufnahme von Pflanzenmaterial führt zu einer Intoxikation. 1 bis 2 g des gepulverten Rhizoms können eine lebensgefährliche oder letale Wirkung entfalten. Zugrunde liegen neurotoxische Effekte, vergleichbar mit Aconitum (Eisenhut). Dabei ist unter anderem eine erhöhte Permeabilität von Zellmembranen für Natriumionen festzustellen (Schließung von Natriumkanälen wird blockiert). Eine reflektorische Steigerung des Parasymapthikotonus und Schwächung des Sympathikotonus am Herzen führt zu Bradykardie und Hypotonie. Am Herzen wird eine digitalisähnliche Wirkung beobachtet. Sensible Nervenendigungen werden zunächst erregt, schließlich gelähmt.

Symptome einer Intoxikation können sein:

Die Neurotoxizität lässt sich experiementell mit Tetrodotoxin antagonisieren.

Bei Veratrum viride, einer verwandten Pflanzenart aus Nordamerika, wurden teratogene Effekte nachgewiesen (Säugetier: Schaf). Als teratogene Inhaltsstoffe wurden Jervin und weitere strukturverwandte Substanzen identifiziert. Diese sind als Nebenalkaoide auch in Veratrum album enthalten.

8.1 Pharmakokinetik

Veratrumalkaloide werden sowohl über die intakte Haut als auch über die Schleimhäute des Gastrointestinaltrakts gut resorbiert.

8.2 Therapie einer Vergiftung

Resorptionsvermeidende Maßnahmen (induziertes Erbrechen, Aktivkohle, Natriumsulfat, Magenspülung) und intensivmedizinische Betreuung (Volumenersatz, künstliche Beatmung, Defibrillation). Bei Erregung können Benzodiazepine gegeben werden. Bei Bradykardie kann auf Atropin zurückgegriffen werden. Darüber hinaus erfolgt die Behandlung symptomatisch.

9 Veterinärtoxikologie

Weidevieh meidet die Pflanze zumeist. Vergiftungen können vor allem auftreten, wenn Weißer Germer in das Heu gelangt. Hierdurch verursachte letale Vergiftungen bei Pferden, Rindern und Schafen sind belegt. Als toxische Dosen (in Gramm je Kilogramm Körpergewicht) werden angegeben: 1 g/kgKG für Pferde und Wiederkäuer, 0,1 g/kgKG für Hunde und 15 g/kgKG für Schweine.

10 Literatur

  • Jäger et al.: Rothmaler - Exkursionsflora von Deutschland, Bd. 2. Aufl. 20, Spektrum Akadem. Verlag.
  • Roth, Daunderer & Kormann: Giftpflanzen - Pflanzengifte, 5. Aufl., Nikol Verlag.
  • Mutschler et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen, 8. Aufl, Wissenschaftl. Verlagsgesellschaft.
  • Alberts & Mullen: Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere, Kosmos Verlag, Stuttgart 2006.
  • Wolf (Hrsg.): Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis - Bd. 3, Gifte, 1992, Springer Verlag.

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