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Atemnotsyndrom des Frühgeborenen

(Weitergeleitet von Infant Respiratory Distress Syndrome)

Synonyme: Atemnotsyndrom des Neugeborenen, Hyalines Membran-Syndrom, IRDS
Englisch: neonatal respiratory distress syndrome, infant respiratory distress syndrome, IRDS

1 Definition

Das Atemnotsyndrom des Frühgeborenen, kurz IRDS, ist eine bei Frühgeborenen nach der Geburt auftretende pulmonale Erkrankung, die auf einer Unreife der Lunge infolge eines Mangels an Surfactant beruht.

2 Pathogenese und Pathophysiologie

Die Lunge ist das Organ, das von der fehlenden intrauterinen Reifung bei Frühgeborenen mit am stärksten betroffen ist. Insbesondere fehlt die Entwicklung von Surfactant, eines Stoffs, der die Oberflächenspannung im Alveolarsystem herabsetzt und so die Ventilation und den Gasaustausch entscheidend begünstigt. So kommt es zu einer alveolären Hypoxie und Hyperkapnie sowie zu alveolären Atelektasen mit z.T. Schwerwiegenden systemischen Folgen.

Die Surfactant-Produktion durch Pneumozyten Typ II beginnt in der späten Schwangerschaft mit Ausreifung der Lunge und findet regelhaft erst nach der 35. Schwangerschaftswoche statt. Ohne Surfactant, welches die Oberflächenspannung der Alveolen vermindert, kollabieren die Lungen nach Exspiration (Mikroatelektasen) und können sich nicht mehr entfalten. Zum Mangel an Surfactant tritt verkomplizierend hinzu, dass Plasmaproteine aus den Kapillaren in die Alveolen austreten und hyaline Membranen über den Alveolen bilden.

Die entstehende Hypoxie bewirkt ähnlich wie bei der Asphyxie eine Reaktionskaskade mit Azidose, pulmonaler Hypertension und weiterer Hypoxie im Sinne eines zu durchbrechenden Circulus vitiosus.

Durch die pulmonale Hypertension kommt es zusätzlich zu einem Rechts-Links-Shunt (Foramen ovale, PDA), welcher die Hypoxie noch weiter verstärkt. Komplizierend kann eine Mekoniumaspiration hinzutreten.

3 Epidemiologie

Etwa 60 % der Frühgeborenen unterhalb der 30. Schwangerschaftswoche entwickeln ein Atemnotsyndrom. Insgesamt entwickeln 1 % der Neugeborenen ein Atemnotsyndrom.

Bei Frühgeburten ist das Atemnotsyndrom die häufigste Todesursache.

4 Symptomatik

Ein Atemnotsyndrom tritt unmittelbar nach der Geburt oder wenige Stunden nach Geburt ein. Hinweisende Symptome sind:

5 Diagnose

Die Diagnose wird auf Grund des Gestationsalters und der typischen Klinik gestellt. Zusätzlich gibt es klare radiologische Kriterien für ein RDS. Diese sind die Grundlage der folgenden Stadieneinteilung.

5.1 Stadieneinteilung

Die Stadieneinteilung des RDS erfolgt mittels der Beurteilung des Lungenparenchyms in einer Röntgen-Thoraxaufnahme:

  • I - feingranuläre Transparenzminderung
  • II - zusätzlich über die Herzkontur hinausreichendes positives Aerobronchogramm
  • III - zusätzlich weitere Transparenzminderung mit Unschärfe der Zwerchfell- und Herzkonturen
  • IV - Weiße Lunge, die Herzkonturen lassen sich nicht vom Lungenparenchym differenzieren

6 Komplikationen

Mögliche akute Komplikationen eines Atemnotsyndroms sind die Ausbildung eines interstitiellen Emphysems und die Luftansammlung in den Körperhöhlen (Pneumothorax, Pneumomediastinum, Pneumoperitoneum).

7 Therapie

Die Therapie des Atemnotsyndroms Neugeborener erfolgt im besten Fall in einem Perinatalzentrum höchster technischer und personeller Ausstattung.

Es gilt in der Neonatologie das Prinzip des "minimal handling", das heißt die Neugeborenen werden durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen nicht über das nötige Maß hinaus belastet.

Über einen liegenden oder speziell zu diesem Zweck kurzzeitig gelegten Tubus kann rekombinantes Surfactant appliziert werden, was den Gasaustausch verbessert und so zu einer Reduktion von Komplikationen und Sterblichkeit führt. So existiert eine sehr wirkungsvolle kausale Therapie. Da bei extremer Frühgeburtlichkeit praktisch immer ein RDS auftritt, ist die prophylaktische Applikation von Surfactant bei allen Frühgeborenen vor der vollendeten 28. Schwangerschaftswoche angezeigt.

Ein leichtes Atemnotsyndrom kann durch die Anlage eines CPAP über die Nase stabilisiert werden. Bei schwereren Verläufen ist eine endotracheale Intubation und maschinelle Beatmung erforderlich.

Die Maßnahmen erfolgen unter kontinuierlichem Monitoring mit:

7.1 Mögliche Nebenwirkungen der Therapie

Ein Atemnotsyndrom erfordert häufig eine Langzeitbeatmung mit teilweise zu hohen Sauerstoffpartialdrücken. Dadurch kann das Krankheitsbild einer bronchopulmonalen Dysplasie entstehen. Eine weitere gefürchtete Komplikation der forcierten Sauerstoffgabe ist die Frühgeborenenretinopathie.

8 Prävention

Ein Atemnotsyndrom ist bei zu erwartender Frühgeburt präventiv beeinflussbar. Durch die Gabe von Betamethason (Glukokortikoid) vor der Frühgeburt kann die Lungenreifung des Ungeborenen beschleunigt werden. So kann die Geburt möglichst lange unter Tokolyse hinausgezögert werden um Zeit für die Lungenreifung zu gewinnen. De Therapie sollte mindestens 48 Stunden vor der Geburt stattgefunden haben.

Durch die Kombination aus

  • engmaschiger perinataler Betreuung (Lungenreifung, postpartale Surfactantgabe, Beatmung) und
  • schonender Geburtseinleitung

kann ein Atemnotsyndrom abgemildert und die Inzidenz von Komplikation gesenkt werden.

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