Synonyme: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), Hyperkinetisches Syndrom, Zappelphilipp-Syndrom
Englisch: attention deficit hyperactivity disorder (ADHD), attention deficit disorder (ADD)


Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ist eine vor allem bei Kindern auftretende Verhaltensstörung, die mit Konzentrationsstörungen, motorischer Hyperaktivität und gesteigerter Erregbarkeit einhergeht. Die motorische Hyperaktivität ist allerdings als fakultatives Symptom anzusehen, da es eine Ausprägung ohne Hyperaktivität (Träumer) wahrscheinlich ebenso häufig gibt. Nicht selten finden sich zusätzlich Störungen des Sozialverhaltens. Die Ausprägung und Verteilung der verschiedenen Symptome variiert mit zunehmendem Alter der betroffenen Patienten.
Die Angaben zur Prävalenz des ADHS unterscheiden sich in Abhängigkeit von den zugrundeliegenden Diagnosekriterien. Die DSM-IV-Kriterien sind niedriger als die Diagnosekriterien nach ICD-10. Gemäß DSM-IV wird die Prävalenz einer situationsübergreifenden Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auf 3 bis 5% der Kinder im Schulalter geschätzt. Nach den Leitlinien eines Expertenkonsensus persistieren die meisten Symptome - teils in abgemilderter Form - bis in das Erwachsenenalter (Ebert et al., 2003).
Die Ursachen, die zu einem ADHS führen, sind derzeit (2008) noch nicht vollständig aufgeklärt. Generell wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, bei der sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen.
Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass neurobiologische Faktoren einen weitaus größeren Einfluss haben als psychosoziale. Sowohl Familien- und Zwillingsstudien als auch molekulargenetische Untersuchungen ergaben, dass genetische Faktoren eine große Rolle bei der Pathogenese spielen.
Schädigungen des Zentralnervensystems während der Schwangerschaft oder Geburt werden ebenfalls mit dem Auftreten eines ADHS in Zusammenhang gebracht.
Die Diagnostik baut auf der allgemeinen Basisdiagnostik psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters auf, wie im Leitfaden beschrieben (Döpfner et al., 2000). Die Diagnose soll durch einen spezialisierten Facharzt erfolgen, in den meisten Fällen durch einen Psychiater oder einen im Bereich ADHS erfahrenen Pädiater oder Allgemeinarzt. Bei der hohen Prävalenz der Erkrankung wird letzteres der Regelfall werden, da die vergleichsweise geringe Anzahl der Psychiater, insbesondere der Kinder- und Jugendpsychiater, den Bedarf nicht abdecken kann.
Die Diagnose der ADHS ist komplex und bedarf der Information aus mehrerern Quellen durch eine Kombination aus Interviews, klinischer sowie psychiatrischer und psychologischer Untersuchung. In Interviews sowohl mit den Erziehungsberechtigten als auch dem Lehrer des Kindes wird die aktuelle hyperkinetische Symptomatik, die störungsspezifische Entwicklungsgeschichte und spezifische medizinische Anamnese exploriert. Hilfreich sind standardisierte Fragebögen und validierte Checklisten. Diese Informationen werden dann genutzt, um eine Diagnose nach ICD-10 bzw. DSM-IV zu stellen.
Nach ICD-10 müssen für die Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung sowohl Aufmerksamkeitsdefizit als auch Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen.
DSM-IV sieht dagegen drei Diagnosen vor:
Die Einteilung nach DSM-IV bildet eher die Realität ab. Der hyperaktive Typ ist zumeist der Mischtyp. Experten gehen davon aus, dass der reine hyperaktiv-impulsive Typ praktisch nicht vorkommt. Der unaufmerksame Typ ist zahlenmäßig unterschätzt, weil eine Vorstellung beim Kinder- oder Hausarzt wegen der Unauffälligkeit des Betroffenen seltener erfolgt und die Diagnosestellung erschwert ist.
Eine differentialdiagnostische Abgrenzung und Überprüfung psychischer komorbider Störungen ist zwingend erforderlich.
Die ADHS wird mit einem umfassenden Behandlungsprogramm behandelt. Dieses Behandlungsprogramm umfasst in der Regel psychologische, erzieherische und soziale Maßnahmen und wird oft durch eine medikamentöse Therapie ergänzt.
Oft ist die Medikation eine notwendige Unterstützung der Psychotherapie bzw. der Erziehungsberatung und Pädagogik, da die Kinder so die vermittelten Anweisungen und Massnahmen besser umsetzen und eine verbesserte Selbststeuerung haben.
Bei der medikamentösen Behandlung des ADHS wird in erster Linie Methylphenidat eingesetzt. Die Dosis wird an die Erfordernissen des Einzelfalls angepasst. Die Therapie mit Methylphenidat sollte mit einer niedrigen Dosis begonnen und in kleinen Stufen bis zum Erreichen einer verträglichen und genügend wirksamen Dosis gesteigert werden.
Hierbei gilt der Grundsatz, die Dosis so klein wie möglich zu halten, ohne dabei zu niedrig zu dosieren. Die Behandlung sollte einschleichend begonnen werden. Es empfiehlt sich ein Beginn mit 5 mg und Einnahmeintervallen von 3,5-4 Stunden. Als praktikabel hat sich folgendes Schema bewährt (Angaben in mg):
Anschließend kann die Tagesdosis in ein- bis zweiwöchentlichen Abständen um 5–10 mg, auf die Gesamttagesdosis bezogen, erhöht werden, wobei eine maximale Tagesdosis von 60 mg nicht überschritten werden sollte.
Die Gesamttagesdosis wird üblicherweise über den Tag verteilt eingenommen. Nach erfolgter Einstellung wird überprüft, ob die Compliance gut ist, da oft die notwendige Einnahme der 2. Dosis während der Schulzeit nicht erfolgt. In diesem Fall kann auf ein lang- oder mittellang wirksames Retardpräparat umgestellt werden, welches die Schul- und Hausaufgabenzeit abdeckt. Wichtig erscheint allerdings die Überlegung, dass eine Abdeckung über den größten Teil des Tages für die Entwicklung des Betroffenen geboten ist, da eine verbesserte Steuerungsfähigkeit in Familie und Peer-Groups mindestens ebenso wünschenswert für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten und Reduzierung meist vorhandenen Konfliktpotenzials ist, wie die Verbesserung der Bildungsfähigkeit.
Die medikamentöse Behandlung des ADHS ist ebenso wie die Diagnose selbst nicht unumstritten und wird - auch innerhalb der medizinischen Fachkreise - kontrovers diskutiert. Einige Kritiker halten ADHS nicht für ein eigenständiges Krankheitsbild, sondern für eine unscharfe Sammelbezeichnung ganz unterschiedlicher Verhaltensstörungen. Andere warnen davor, dass die Pharmakotherapie häufig ohne ausreichende Diagnose verordnet wird und dazu eingesetzt werden könnte, anders geartete Probleme - insbesondere Störungen des familiären Umfelds - zu kaschieren.
[1] - Leitlinie ADHS
[2] - Weiterer Grundlagenartikel
[3] - Übersicht der Diagnosen
[5] - Deutsche Gesellschaft zur Erforschung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
[6] - Pressemittelung über Einigung über die Diagnose und Behandlung des ADHS
[7] - ADHS-Kritik
[1] - ADHS Selbsthilfe
[2] - Chaotenbande ADHS
[3] - Portal ADD-Online mit Fachinfos und Forum
[4] - ADHS Selbsthilfegruppe Soest - NRW
[5] - ADHS Fragen und Antworten
[6] - ADS Forum
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Autor(en): mytv-Redaktion |
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